Edge-Datacenter vor dem Durchbruch

Ultra-High-Density an jeder Ecke

31. Mai 2021, 07:00 Uhr   |  Carsten Ludwig/jos

Ultra-High-Density an jeder Ecke
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Um Leistungsverluste von vorneherein auszuschließen, gilt es, die Verkabelung so exakt wie möglich planen.

Wenn es keine Edge-Datacenter gäbe, müsste man sie schleunigst erfinden. Wie die Branche heute weiß, braucht die Welt mehr als eine Cloud mit fernen Hyperscalern und hochgerüsteten Internetknoten. Sie benötigt einfach mehr Rechenleistung vor Ort. Ganz trivial ist das Konzept jedoch nicht.

Edge-Datacenter stehen 2021 vor dem Durchbruch. Die Vorteile des ortsnahen Cloud-Computings überzeugen inzwischen fast alle IT-Fachleute. Arpit Joshipura, General Manager für Networking bei der Linux Foundation, meinte kürzlich: „Edge-Computing wird bis 2025 das Cloud-Computing ablösen.“ Das mag etwas übertrieben klingen. Dennoch: Infolge von 5G-Rollout, IoT/IIoT-Anwendungen, Remote Working, digitalen Geschäftsmodellen, Echtzeit-Bedürfnissen und weiteren Megatrends beschleunigt sich die Edge-Evolution. Dave McCarthy, Direktor für Edge-Strategien beim Marktforscher IDC, sagte vor einigen Monaten: „Edge-Produkte und -Services treiben die nächste Welle der digitalen Transformation an.“

Die großen Player AWS, Google Cloud und Microsoft Azure präsentieren bereits eigene Edge-Produkte und -Standorte. Sie springen auf den Zug auf, weil sie das Potenzial dieses Marktsegments und die Vorteile dezentralisierter, Edge-orientierter Netzwerkarchitekturen erkennen. Um nur einige Vorteile zu nennen: WAN und Cloud entlasten, Übertragungskosten sparen, Workloads verteilen, 5G integrieren, Latenzzeiten unter zehn Millisekunden drücken, bestehende Kunden zur Edge-Anbindung begleiten oder ertüchtigen.

Ein Platz an jeder Straßenecke

Wo soll diese schier unüberschaubare Menge an Edge-Datacentern überhaupt Platz finden? Diese Frage müssen sich potenzielle Anwender, Provider und Organisationen jetzt stellen. Es ist fünf vor zwölf. Sie sollten jetzt Standorte und Glasfaserleitungen reservieren oder planen.

Edge Computing muss an nahezu jeder Ecke stattfinden, wo die Cloud endet. Deshalb der Name. Buchstäblich an jeder Straßenecke. Denn Smart Buildings, Smart Cities, Smart Factories, Smart Mobility, Smart Logistics, KI und 5G-Zellen müssen bekanntlich viele kritische Daten in Echtzeit austauschen, wenn Digitalisierung reibungslos, profitabel und nutzerfreundlich funktionieren soll. Dies erfordert kurze Distanzen, Ultra-Low-Latency-Kommunikation (ULLC), Intelligenz und massive Rechen-Power möglichst nahe am Platz des Geschehens. Zudem muss bedingungslose Bandbreite von Ende zu Ende im Pflichtenheft stehen. Zwischen Cloud, Edge und den vorgelagerten Anwendungen darf es keinen Flaschenhals geben.

Also, wo ist der Platz? Zwei Quadratmeter im trockenen Keller, ein diskretes Stück Flur oder die fast vergessene Platzreserve neben dem alten LAN-Verteiler könnten ausreichen. Edge-Datacenter werden im Shopfloor von Fabriken oder im ehemaligen Server-Raum einen Platz finden. Oder in Kliniken, Bürotürmen, Bahnhöfen, Flughäfen, Hochschulen, Einkaufszentren, Gewerbeparks, Messehallen, Banken, Verlagen, Stadien, Stadtwerken, Solar- und Windkraftwerken, Basisstationen und PoP-Stationen. Outdoor-Container in harscher, unkontrollierter Umgebung in einem Industriegebiet, an einer Bahnlinie oder Autobahn eignen sich ebenfalls.

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Eine Push-Pull-Mechanik entlastet Netzwerktechniker, indem sie die Bedienung zum Knickschutz verlagert.

Neue Dimension der Verdichtung

Die Standortanforderungen klingen simpel: Nötig sind eine symmetrische Breitband-Netzanbindung und Strom. Im Detail sieht die Sache jedoch anspruchsvoller aus. Es geht nicht nur um den Standort, sondern um das, was an diesem Platz stattfinden soll. Ein Edge-Datacenter ist kein Server-Schrank mit ein paar Rangierkabeln. Es geht vielmehr um eine neue Dimension der Funktionsvielfalt und Verdichtung von Infrastruktur, Leistung und Qualität. Es ist etwa so, wie ein Bürogebäude in ein Home-Office zu packen und es für 100 Gigabit Ethernet zu ertüchtigen. Dies bedingt einen Paradigmenwechsel in der Art, wie Hersteller und Nutzer ihre Schränke ausrüsten und Netzwerke und IT designen und betreiben. Der Schlüsselbegriff lautet Ultra High Density (UHD).  Beispielsweise ist eine Dichte von mehr als 100 Ports pro Rack-Einheit unerlässlich. Media-Mix und hybride Fähigkeiten sind angesagt. Im Edge-Schrank treffen mehrere Netzwerkwelten unmittelbar aufeinander: einerseits Kupferverkabelung aus den Tiefen des IoTs, aus LAN, Gebäudeautomation und Telekom-Netzen – andererseits neue Glasfasernetze, Links von Core-Netzen und 5G-Backhaul-Netzen, Unternehmens- und Provider-Infrastrukturen. Der „Meet-Me-Raum“ schrumpft auf ein oder zwei Höheneinheiten zusammen.

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1. Ultra-High-Density an jeder Ecke
2. Was muss alles in den Schrank?

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