Im Rahmen seiner „Future of Work“-Roadshow zeigte Digital-Workspace-Vorreiter Citrix in München, wie er sich die Zukunft IT-gestützten Arbeitens vorstellt: Mit seiner Lösung Workspace, die noch dieses Jahr auf den Markt kommen soll, will Citrix Informationen und anstehende Aufgaben in einem Facebook-artigen Feed bündeln und ML-basiert (Machine Learning) nach Relevanz sortieren, um dann mittels schnell erreichbarer Buttons die Erledigung von Arbeitsschritten zu erleichtern. Ebenfalls ML-gestützte Automation soll den Endanwender zudem von lästigen Routineaufgaben befreien.

Groß geworden ist Citrix mit Software, die Endanwendern von überall aus den Zugang zu aggregierten Unternehmensapplikationen erleichterte. Doch mit reiner Aggregation und der Bereitstellung nach dem Prinzip „überall, jederzeit, mit jedem Gerät“ gibt sich der Anbieter nicht mehr zufrieden: Die aktuelle Inkarnation der hauseigenen Software namens Citrix Workspace – in die Know-how und Code aus der Sapho-Übernahme eingeflossen ist – soll die Aggregation um KI-gestützte Workflow-Automatisierung ergänzen. Damit geht Citrix über die Präsentationsebene hinaus und dringt bis zur Business-Logik vor.

Die Notwendigkeit dieser Entwicklung erläuterte Sasa Petrovic, Solution Strategist von Citrix in der Schweiz: Über die Hälfte der Weltbevölkerung sei inzwischen vernetzt, so Petrovic, man nähere sich dem Yottabyte-Zeitalter (1 YB: eine Eins mit 24 Nullen). Diese Datenvolumina seien ohne KI und ML nicht mehr zu bewältigen. Im Arbeitsalltag bereitet laut Petrovics Ausführungen neben den eskalierenden Datenmengen auch der immer schnellere Wandel der Geschäftsprozesse Probleme – künftig werde man Prozesse im Monatsrhythmus anpassen müssen.

Bei Citrix sieht man vor diesem Hintergrund den Bedarf, die „Employee Experience“ – die Art, wie Mitarbeiter ihr Arbeitsumfeld wahrnehmen und erleben – in den Mittelpunkt zu rücken und zu optimieren. Denn der heutige Mitarbeiter kämpfe mit zu vielen und zu komplexen Anwendungen. Zum Vergleich zog Petrovic Multifunktionskopierer heran, wie sie in jedem Büroflur stehen: Das Gros der Mitarbeiter nutze lediglich den einen grünen Knopf, der eine Kopie auslöst – nur die Randgruppe der Power-User verstehe, mit all den anderen kleinen Funktionsknöpfen umzugehen. Ein ähnliches Überangebot an Power-User-Funktionalität erschwere 99 Prozent der Unternehmensmitarbeiter auch den Umgang mit ihren Applikationen. Dies sei für effizientes Arbeiten ebenso hinderlich wie der Umstand, dass man laut Studien täglich über 1.000-mal die Applikation oder den Kontext wechseln muss, so der Citrix-Mann.

Vorbild Consumer-IT

Deshalb sei heute am Arbeitsplatz vor allem Einfachheit gefragt – eine intuitive Bedienung, wie Apple und Co. sie im Consumer-Markt vorexerziert haben. Petrovic verwies auf iOS 13 und dessen neue Shortcuts-Funktionalität. Mittels KI erkennt Apple im neuen iPhone-OS sich wiederholende Abläufe und schlägt deren Auslösen per Siri-Kommando vor. Auf ähnliche Weise werde Citrix Workspace Arbeitsschritte im Berufsalltag automatisieren.

Dazu will der Konzern Zugriffe auf Business-Applikationen vom Workspace-Interface aus in sogenannte „Micro-Apps“ gießen. Mit diesen soll es beispielsweise möglich sein, Anfragen von Mitarbeitern per Ja/Nein-Buttons zu akzeptieren oder abzulehnen, ohne dafür zuerst die jeweilige Applikation öffnen zu müssen. Ein „Micro-App Builder“ soll mittels Low-Code-/No-Code-Methoden die Erstellung solcher Micro-Apps erleichtern.

Neben dem zentralen Feed mit den Micro-Apps umfasst das Interface von Citrix Workspace Zugriffsmöglichkeiten auf Apps und Desktops, Dateien, Suchfunktion und einen virtuellen Assistenten. Bild: Citrix

Neben dem zentralen Feed mit den Micro-Apps umfasst das Interface von Citrix Workspace Zugriffsmöglichkeiten auf Apps und Desktops, Dateien, Suchfunktion und einen virtuellen Assistenten. Bild: Citrix

René Otto, Manager Systems Engineering FMS/Government bei Citrix in Deutschland, ergänzte das Szenario um Zusatzinformationen, wie Citrix Workspace sich dem Benutzerverhalten per Machine Learning anpassen wird. Stelle die Software beispielsweise fest, dass ein Vorgesetzter Spesenrechnungen im Bereich zwischen Betrag X und Y stets genehmige, lasse sich dies ML-gestützt erkennen und automatisieren. Es gebe zu diesem Zweck Templates für verbreitete SaaS-Angebote, über den erwähnten Micro-App Builder sei zudem die Einbindung weiterer Applikationen möglich. Noch dieses Jahr werde Citrix hierfür einen Tech Preview vorstellen.

Citrix’ Konzept eines digitalen Arbeitsplatzes besticht durch die Idee, intuitive Bedienung in Social-Media-Manier mit Direktzugriffen auf Applikationsfunktionalität und automatisierbaren Workflows zu kombinieren. Der Erfolg dieses Ansatzes dürfte in hohem Maße von zweierlei abhängen: erstens davon, wie einfach oder aufwendig sich die „Micro-Apps“ erstellen, verwalten und nutzen lassen; sowie zweitens davon, inwieweit man künftig Arbeitschritte in Citrix Workspace tatsächlich praxisgerecht mit Machine Learning automatisieren kann – ohne dass Endanwender oder Vorgesetzte das Gefühl haben, die Kontrolle zu verlieren.

Dr. Wilhelm Greiner ist freier Mitarbeiter der LANline.