In der Fertigungsindustrie wird Digitalisierung oft mit Industrie 4.0 gleichgesetzt. Einige Hersteller fokussieren sich deshalb auf reine Automation, also den Ausbau von intelligenten Produktionsanlagen und Produkten. Das ist zu kurz gegriffen: Vielmehr braucht Digitalisierung für eine erfolgreiche Zukunft erheblich mehr direkte Interaktion mit dem Markt. Das zeigen digitale Plattformen, die sich rasend schnell ausbreiten und neue, bisher unbekannte globale Netzwerke erschaffen. Industrial Internet of Things (IIoT) sowie ein intelligentes ERP ermöglichen hier disruptive Geschäftsoptionen auch für industrielle Unternehmen. Die weltweit zunehmende Dominanz der Plattform-Ökonomie ist dabei unübersehbar. Unternehmen müssen sich schnell entscheiden – und in Sachen Plattform die Weichen stellen.

Noch lässt sich in der produzierenden Industrie Deutschlands durch die Nutzung von Industrie 4.0 keine signifikante Steigerung des Bruttoinlandsproduktes (BIP) feststellen. Für 2020 gehen die Voraussagen nur von geringen Zuwächsen von 1,7 Prozent aus. Der Grund: Der Schwerpunkt der Digitalisierung in Europa ist fabrikzentriert. Stand heute machen Unternehmen des Maschinen- und Anlagenbaus noch 98 Prozent ihres Umsatzes mit dem Vertrieb von Produkten und Services. Die eigentlichen Potenziale von „Industrie 4.0“- und IIoT-Kommunikation liegen aber außerhalb der Werkshallen. Denn echte IIoT-Projekte sind für Kunden spürbar und erwirtschaften Mehrerlöse.

Den Kunden via Plattform im Fokus

Das Plattform-Geschäftsmodell beherrscht die digitale Transformation, denn kein anderes verzeichnet ein derart rasantes Wachstum. Es geht darum, sich exklusiven Zugang zum Kunden über die verschiedenen digitalen Kanäle zu verschaffen. Die wertschöpfende Plattform steht dabei direkt zwischen Kunde und Anbieter. Sie macht ein markttaugliches Angebot an kundenspezifischen Produkt- und Service-Anpassungen möglich – als Folge der strategischen Feedback-Kommunikation. Datengetriebene Plattform-Ökosysteme wickeln Ströme von Leistungen, Geld und Daten ab. Mit ihrem direkten Kontakt zum Kunden haben sie so eine kaum zu überschätzende Bedeutung erlangt.

Die wenigen hier erfolgreichen Unternehmen bieten allesamt digitale Geschäftsmodelle mit digitalen Produkten und meist auf digitalen Plattformen. Sie sind zu 100 Prozent kundenorientiert und nutzen digitale Business-Ökosysteme. Die Entwicklung solcher digitalen Geschäftsmodelle ist in der Industrie jedoch noch nicht Standard. In Branchen wie Automotive oder dem Maschinen- und Anlagenbau sind digitale Transformationen dabei am wenigsten weit vorgedrungen. Elektronik und Hightech sowie der Großhandel stehen schon besser da.

Gute Beispiele: Plattformen von Festo und Homag

Ein Plattform-Business für neue digitale Geschäftsmodelle betreibt etwa Festo. Über das Kerngeschäft hinaus bietet der Hersteller von Automatisierungstechnik weiteren Mehrwert als Datenlieferant durch „offene“ Produkte mit Sensorik und Basis-Kommunikation. Die Vermittlung und Abrechnung digitaler Services bildet dabei das Geschäftsmodell. Als IoT-Enabler stellt Festo vorverarbeitete Daten bereit. Und als Digital-Service-Provider bietet das Unternehmen seinen Kunden über die Plattform direkt vollwertige Dienste.

Ein weiteres Beispiel liefert Homag. Das Unternehmen aus der Holzindustrie integriert die Leistungen seiner Technologie- und Business-Partner auf seiner digitalen Plattform „tapio“. Über diese läuft die direkte Kundenkommunikation, sie integriert digitale Produkte sowie Apps ebenso wie Marketing-Instrumente oder digitale Services. Auch Bosch, BMW oder Volkswagen sind in puncto Plattform bereits gestartet. Durch Austausch und Interaktion schaffen solche B2B-Plattformen als technologiebasierte Geschäftsmodelle Mehrwerte und orchestrieren Ökosysteme zum Vorteil der Kunden.

Erste Pflicht ist der Aufbau der Smart Factory

Was sollten Unternehmen der Industrie jetzt tun, um die Plattformidee umzusetzen? Ausgangsbasis eines Plattform-Erfolgs bildet die Smart Factory mit optimierten digitalisierten Wertschöpfungsketten. Hier integriert ein hochleistungsfähiges ERP die dafür nötigen Daten über einen „digitalen Zwilling“, also ein hinreichend genaues Abbild aller relevanten Daten aus Produktion, Entwicklung sowie angrenzender Bereiche — für eine echtzeitfähige Auswertungsbasis. Eine horizontale und vertikal vernetzte Smart Factory liefert so erst die Voraussetzungen für die weitere Digitalisierung.

Die intensive Nutzung von Daten macht Unternehmen agiler und schneller. In traditionellen Unternehmen entstehen oft Zeit- und damit Wertverluste durch Verzögerungen in jeder einzelnen Phase, die sich an ein Ereignis anschließt: bei Erzeugung von Daten, Analyse der Daten, Einleitung von Maßnahmen sowie dem Eintreffen von deren Wirksamkeit.

Intelligente ERP-Systeme führen Daten in der „lernenden Fabrik“ aus KI-gesteuerten Einheiten zusammen. Bild: ProAlpha

Anders verhält sich dies in datengetriebenen Industrie 4.0-Unternehmen: Für Zeiteinsparungen und damit Werterhöhungen lassen sich für jede dieser Phasen die Treiber konkret benennen und einsetzen: So bieten Systemintegration und Real-Time-Optionen kurze bis nicht vorhandene Datenlatenzen. Big-Data-Analysen, maschinelles Lernen (ML) und künstliche Intelligenz (KI) helfen, Zeitvorteile bei der Problemanalyse zu realisieren. Automatisierte Entscheidungssysteme dämmen Entscheidungsverzögerungen ein. Darüber hinaus minimieren vertikale sowie horizontale Prozess- und Systemintegrationen und physikalisch sowie virtuell integrierte Systeme die Anwendungslatenz bis zur Wirksamkeit neuer Maßnahmen.

Digitale Produkte und neue Geschäftsmodelle

Welche neuen Geschäftsmodelle kann ich meinen Kunden überhaupt anbieten? Auf diese Frage müssen Unternehmen eine Antwort finden, um digitale Produkte, Services und Plattform in einem neuen Geschäftsmodell zusammenzubringen. Neben den Daten aus der Smart Factory benötigen sie dafür die Daten aus der Digitalisierung des Produkt- und Service-Angebots. Dann müssen sich Unternehmen entscheiden: Will ich selbst eine solche Plattform erschaffen oder eine oder mehrere Plattformen bedienen? Welche Partner brauchen wir dazu? Und wie werden meine Produkte und Services überhaupt plattformkompatibel? Erst dann lässt sich die Digitalisierung über den Rand der Fabrik hinaustragen.

Entscheidend ist dabei in Zukunft das Angebot von Produktivitätssteigerungen in Ökosystemen – statt eines simplen Betreibermodells. Würth und Rolls-Royce, Claas oder Boge sind heute bereits positive Beispiele für ein solches Angebot.

Intelligentes ERP

Grundlage für alle datengetriebenen Geschäftsmodelle sind verfügbare Daten. Intelligente ERP-Systeme helfen, diese Grundlage zu schaffen, indem sie Daten in der „lernenden Fabrik“ aus KI-gesteuerten Einheiten zusammenführen. Diese Systeme wachsen und verlangen kontinuierliche Optimierungen. Sie integrieren Daten aus unterschiedlichsten Quellen: aus selbststeuernden, selbstoptimierenden Prozessen und digitalen Assistenten, aus der RPA (Robot Process Automation), umfangreichen KI-gestützten Business Analytics sowie aus intelligenten, selbststeuernden und durchgängigen N-to-N-Prozessen. Sie sammeln Daten, um Machine Learning und Deep Learning innerhalb und außerhalb des Unternehmens zu nutzen. Sie integrieren auch neue Technologien – aus Robotik, Virtual Reality, Process Mining oder via Blockchain.

Für Unternehmen aus der Industrie bleibt in Richtung Plattform und neuer digitaler Geschäftsmodelle nicht viel Zeit für weiteren Aufschub. Disruption funktioniert in jeder Branche. Und mit jedem Budget – allerdings nicht in jeder Kultur. Die besten Aussichten verspricht die Strategie, eine stabilisierende Balance zwischen Veränderungen und Vertrautem zu schaffen: Denn Transformation verläuft parallel zum Bewährten. Gleichzeitig hilft ein unternehmenseigener Think Tank, die Digitalisierung voranzutreiben. Denn Industrie 4.0 heißt auch, dass sich die Organisation der Wertschöpfung und die ökonomischen Spielregeln grundlegend ändern.

Dafür müssen Unternehmen alle bestehenden Produkte und Dienstleistungen auf ihre künftige Berechtigung hinterfragen. Und sich auf die Frage konzentrieren: Was ist das wirkliche Problem meines Kunden?

Michael Finkler ist Geschäftsführer von ProAlpha, www.proalpha.com.