Nach den funktionalen „IT-Silos“ für Server, Speicher und Netzwerk will HP nun auch die ortsbezogenen Silos aufbrechen. Eine einheitliche Infrastruktur in Zentrale, Zweigniederlassungen und Außenstellen – so lautet die Devise der neuen Flexnetwork-Architektur. Mit Flexnetwork verabschiedet sich HP zugleich vom klassischen dreistufigen Netzwerkdesign (Kern?, Verteil- und Edge-Switches): Dank hoher 10GbE-Port-Dichten im Kern-Switch ist die Verteilebene nun obsolet.Wenn es einer derzeit „ganz dick“ bekommt, dann ist es wohl Cisco. Fast jeder Anbieter im Netzwerkbereich veröffentlicht derzeit Vergleiche seiner eigenen Produkte mit den Pendants des Marktführers und lässt den Branchenprimus dabei ziemlich alt aussehen. Jüngste Beispiele sind etwa der Hersteller Juniper, der im Rahmen seiner Qfabric-Vorstellung kein gutes Haar am Lieblingskonkurrenten ließ, sowie Alcatel-Lucent, der mit dem „Omniswitch 10K“ in Disziplinen wie Port-Dichte, Leistung und Energieeffizienz nicht nur aber ganz besonders gegen Cisco auftrumpft. Dazu passt, dass jetzt auch HP seinen Stammrivalen während der Flexnetwork-Präsentation in London regelrecht „abfackelte“.

Der per Live-Videostream von der Interop in Las Vegas zugeschaltete Marius Haas etwa, seines Zeichens General Manager und Senior Vice President bei HP Networking, versäumte bei keinem der neu vorgestellten Switches die schwachen Vergleichswerte der entsprechenden Cisco-Modelle dagegenzustellen. Beim neuen Core-Switch A10500 beispielsweise, der neben 128 10GbE-Ports bereits auch 40 und 100 GBit/s unterstützt, sollen gegenüber einem Cisco Catalyst 6509 die Verzögerung um 75 Prozent niedriger sowie Durchsatz und Port-Dichte um 250 beziehungsweise 270 Prozent höher sein. Insgesamt dürften die vielen Nadelstiche der Konkurrenten Cisco allmählich weh zu tun. Die Texaner wären sicher gut beraten, wieder einmal mit Innovationen zu glänzen, die sich an den Bedürfnissen der Anwender orientieren.

Genau dies reklamiert HP Networking (ehemals „HP Procurve“) für seine aktuellen Ankündigungen. Die einheitliche Architektur für die Netzwerke in Rechenzentren, Standorten und Filialen soll vor allem Einrichtung und Betrieb der IT-Infrastruktur vereinfachen und so helfen, die Betriebskosten deutlich zu senken. Das einheitliche Management soll zudem dazu beitragen, neuen Anforderungen wie Multimedia, Virtualisierung, Mobilität und Cloud flexibel zu begegnen. Technisch besteht Flexnetwork aus den drei Bausteinen „Flexfabric“, „Flexcampus“ und „Flexbranch“ sowie der Verwaltungsebene „Flexmanagement“. Neben dem Kern-Switch A10500 unterstützt auch die neue Tippingpoint-Appliance S6100N die Flexnetwork-Architektur. Sie soll tief gehende Paketanalysen (Deep Packet Inspection, DPI) sowohl für physische als auch Cloud-Umgebungen durchführen. Um virtuelle und physische Netzwerkumgebungen einheitlich verwalten zu können, gibt es das „Intelligent Management Center“ von HP jetzt in der aktualisierten Version 5.0.

Mit der neuen Architektur hält auch eine schlankere Hierarchie Einzug ins Netzwerk. Möglich macht dies die vergleichsweise hohe Port-Dichte im neuen Flaggschiff-Switch in Verbindung mit einer neuen Virtualisierungstechnik, die HP IRF (Intelligent Resilient Framework) nennt. Mit IRF lassen sich zwei A10500-Switches zu einem virtualisierten Switch mit 208 Ports zu je 10 GBit/s bei vollem Durchsatz (Wirespeed) verbinden. Hinzu kommt eine Trennung von I/O-Modulen und Switch-Fabric. Mit dem Distributions-Layer verbannt HP zudem das Spanning-Tree-Protokoll aus dem Netzwerk.

Im Grunde folgt HP dabei dem Ansatz, den Juniper mit Qfabic im Februar dieses Jahres vorgestellt hat. Mit „Virtual Switch Chassis“ existiert dort bereits seit letztem Jahr ebenfalls ein Switch-übergreifendes Port-Management. „Juniper begegnet uns im Enterprise-Markt nicht sehr oft“, so Olivier Vallois, EMEA Data Center und Core Category Manager bei HP Networking, auf Nachfrage von LANline. „Sie haben mit Qfabric zweifellos eine schöne Vision, aber das Portfolio ist noch sehr fragmentarisch. HP geht anders im Markt vor: Was wir sagen, können wir auch liefern.“

Mit der fehlertoleranten Virtualisierungstechnik „Intelligent Resilient Framework“ lassen sich zwei A10500-Switches zu einem virtualisierten Switch mit 208 Ports zu je 10 GBit/s bei vollem Durchsatz (Wirespeed) verbinden. Bild: HP

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