Auf seinem jährlichen Europa-Event für Partner und Kunden, das dieses Jahr in Athen stattfand, hat sich Extreme Networks als Cloud-Company vom Scheitel bis zur Sohle präsentiert. Auch wenn Hardware wie Switches – zwei neue Geräte hat der Hersteller sogar in der griechischen Hauptstadt angekündigt – weiterhin im Programm bleiben, der Fokus soll künftig klar auf cloudbasiertem Netzwerk-Management liegen.

Eingeleitet hat Extreme diesen Schwenk bereits im Sommer 2019 mit der Übernahme von Aerohive. Zu dem daraus entstandenen Tool ExtremeCloud IQ gesellt sich nun mit Extreme Fabric Automation (EFA) ein Cloud-Werkzeug, das das Rechenzentrums-Management in hohem Maße vereinfachen soll.

Das Netzwerk ist heute eine geschäftskritische Komponente für den Erfolg der IT. Eine Infrastruktur zu haben, die einfach, intelligent und anpassungsfähig ist und sich mit Cloud-Geschwindigkeit bereitstellen lässt, gilt dementsprechend als eine der wichtigsten Anforderungen. In besonderem Maße trifft das auf das Rechenzentrum als dem digitalen Nervensystem eines jeden Unternehmens zu.

Vor diesem Hintergrund hat Nabil Bukhari, Chief Product and Engineering Officer bei Extreme Networks, in Athen neue Hardware- und Softwarelösungen für die Netzwerkautomatisierung sowie für die Integration und die Bereitstellung von Ressourcen in Rechenzentren angekündigt.

Extreme Fabric Automation

In Sachen Software geht es um den Ausbau der Extreme Fabric Automation zur umfassenden Automatisierungsplattform für Rechenzentren. Das Tool soll nun alle Aufgaben im Zusammenhang mit Überprüfung, Test und Betrieb von Fabric-Netzwerken in Rechenzentren automatisieren. Die IP-Fabrics eines Rechenzentrums, sofern es sich um Switches und Router aus dem SLX-Portfolio von Extreme handelt, sollen sich auf Basis von BGP (Border Gateway Protocol), EVPN (Ethernet VPN) und VXLAN (Virtual Extensible LAN) mit drei einfachen Befehlen innerhalb von Sekunden aus der Anwendung heraus bereitstellen lassen.

Im Rahmen seiner „Cloud Driven“-Präsentation hat Nabil Bukhari, Chief Product and Engineering Officer bei Extreme Networks, neue Hardware- und Softwarelösungen für die Netzwerkautomatisierung sowie für die Integration und die Bereitstellung von Ressourcen in Rechenzentren angekündigt. Bild: Stefan Mutschler

Vor der Ausführung der automatischen Konfiguration checkt das Tool die ausgewählte Netzwerktopologie. So will der Netzwerkausrüster sicherstellen, dass immer die bestmögliche Konfiguration aktiviert wird. Die gleiche Methode verwendet EFA, um weitere Switches zur Fabric hinzuzufügen oder daraus zu löschen. Die so gewonnene Elastizität soll IT-Teams in die Lage versetzen, ihre Netzwerke schnell und einfach nach oben und unten zu skalieren. Dadurch ist es möglich, das Netzwerk flexibel an den jeweiligen Bedarf anzupassen.

Wesentlicher Bestandteile der Software sind speziell für diese Aufgaben entwickelte Mandanten- und Edge-Port-Services. Sie sollen für Computer, Speicher und Anwendungen alle benötigten Verbindungen bereitstellen. Bei der Einrichtung übernimmt die Software die Erstellung von Mandanten als separate logische Einheiten, die jeweils Ressourcen in der Fabric reserviert haben. Zu diesen Ressourcen gehören Assets wie Switch-Ports, Portkanäle, VLANs etc., die Endpunktgruppen zugeordnet sind (Sammlung von Assets, die sich einen gemeinsamen Satz von Properties teilen;  siehe auch Bild oben).

Erste Switches mit Broadcom-ASICs

Die EFA-Software lässt sich am einfachsten auf den Gast-VMs betreiben, die in den Extreme SLX-Switches der neueren Generation integriert sind. Diese Switch-Generation hat Extreme nun mit zwei neuen Modellen erweitert: den Leaf Switch SLX 9150 und den Spine Switch SLX 9250. Beide Modelle basieren auf den „Trident 3 Switch“-ASICs von Broadcom, seit Oktober 2019 der bevorzugte Kooperationspartner von Extreme bezüglich Unternehmenslösungen. Die ASICs sollen dieselben Telemetriefunktionen bieten, die auch führende Hyperscaler nutzen. Extreme lässt darauf seine Flow-Analytik-Software laufen, ein Gespann, das in Sachen Leistung und Stabilität neue Maßstäbe setzen soll.

Die EFA-Software indes ist keineswegs an die Gast-VMs der SLX-Switches gebunden. Alternativ lässt sie sich auch auf einem beliebigen Standard-Server und künftig auch in der Cloud betreiben. Zudem lässt sie sich laut Bukhari in Orchestrierungssoftware, wie OpenStack, VMware vCenter und Microsoft SCVMM integrieren. Jede Integration beruht auf einem separaten Mikro-Service und nutzt die Fabric-Awareness von EFA. Weitere Integrationen sollen in zukünftigen Versionen verfügbar sein. „Im Rechenzentrum geht es nicht mehr nur um Geschwindigkeit und Bandbreite – hier wird die digitale Transformation gewonnen oder verloren“, erklärte Abby Strong, Vice President Product Marketing bei Extreme in Athen. „Extreme Fabric Automation basiert auf einer originären Cloud-Architektur mit einem erweiterten Funktionsspektrum für Fabric-Orchestrierung und -Management. Die Lösung macht mit ihrer einfachen Bedienung manuelle Switch-by-Switch-Konfigurationen überflüssig. So können sich IT-Teams im Tempo ihres Unternehmens bewegen – mit Cloud-Geschwindigkeit.“

Große Pläne mit ExtremeCloud IQ

Die Transformation von Extreme zur Cloud-Company bekam mit der Übernahme von Aerohive immensen Schwung (LANline berichtete). In Athen schaffte es das Top-Management, die eigene Begeisterung ob dieses Wandels auf die anwesenden 175 Partner zu übertragen. Die in fast allen Sessions gehypte Lösung ExtremeCloud IQ (LANline berichtete) nimmt immer konkretere Gestalt an und soll Extreme dabei unterstützen, schon im kommenden Jahr HPE/Aruba von Platz zwei der Anbieter für cloudbasiertes Infrastruktur-Management zu verdrängen – im Jahr darauf will man die derzeitige Nummer eins Cisco/Meraki ablösen. Juniper Networks, seit der Übernahme von Mist ebenfalls ein wichtiger Player in diesem Markt, will Extreme weiter hinter sich auf Abstand halten.

„Im Rechenzentrum geht es nicht mehr nur um Geschwindigkeit und Bandbreite – hier wird die digitale Transformation gewonnen oder verloren“, erklärte Abby Strong, Vice President Product Marketing bei Extreme. Bild: Stefan Mutschler

Die für die Co-Pilot-Funktion von ExtremeCloud IQ angekündigten Use Cases (hinterlegte Einsatzszenarien) verzögern sich zwar noch einige Monate, als erste „Verticals“ stehen aber zum Beispiel Transport/Logistik, Gesundheitswesen, Herstellerindustrie und Regierungsorganisationen fest. Noch im Jahr 2019 soll es mit „Store in a Box“ ein Paket für den Handel geben. Auch ist geplant, die Funktionen von ExtremeCloud IQ in vier Stufen anzubieten, damit Anwender sie genauer an den konkreten Bedarf anpassen können:

  • Geräte-Management – Basisfunktionen für Konfiguration und Monitoring von Access-Points und Switches,
  • Infrastruktur-Management – Netzwerkweite Konfiguration und Analyse,
  • intelligentes Management – Machine-Learning-unterstützte Funktionen und
  • gesichertes Management – Automatisierung durch KI-Funktionen (Künstliche Intelligenz).

Das Geräte-Management ist im Grundpreis enthalten, die Funktionen in den höheren Stufen sind kostenpflichtig hinzubuchbar.

Entsprechend den Hauptthemen der Konferenz – was Extreme von anderen Anbietern unterscheidet („The Extreme Difference“) und „Cloud Driven Networking“ – griff Abby Strong diese an den tatsächlichen Bedarf beim Anwender anpassbare Lösungsabstufung noch einmal als einen von insgesamt fünf Punkten auf. Als einzige Netz-Management-Lösung aus der Cloud biete Extreme zudem ein durchgängiges Ende-zu-Ende-Management vom Netzwerkrand (Edge) bis ins Rechenzentrum. Ebenso hob sie die Wahlfreiheit bei der Implementierung hervor: Extreme unterstütze flexibel sowohl Private- und Public-Cloud-Umgebungen als auch den Betrieb im eigenen Rechenzentrum. Auch Hybrid-Modelle seien realisierbar. Nicht zuletzt führte sie die Betriebskosten ins Feld, hier liege Extreme mindestens 30 Prozent unter den Kosten anderer Anbieter.

Über ein mögliches Zusammenspiel von EFA mit ExtremeCloud IQ war in Athen noch nicht viel zu erfahren. „ExtremeCloud IQ verfügt über APIs, die eine Integration mit anderen Anwendungen technisch sehr einfach erlauben“, erläuterte Olaf Hagemann, SE Director DACH bei Extreme im Gespräch mit LANline. „Eine Verbindung mit EFA über diese Schnittstellen ist definitiv geplant, aber über die konkrete Ausformung und einen Zeitplan wird noch diskutiert.“

In der EMEA-Region agiert Extreme besonders erfolgreich. Seit 2017 konnte das Unternehmen seine Umsätze hier gut verdoppeln (Vergleich der Fiskaljahre 2017 und 2020). Mit rund 462 Millionen Dollar liegen die Umsätze hier nur wenig unter dem, was die Amerikaner in ihrem Heimatland umsetzen (482 Millionen Dollar). Auf globaler Ebene verzeichnet Extreme laut Chief Revenue and Services Officer Bob Gault mit 1,13 Milliarden Dollar im Fiskaljahr 2020 eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr von immerhin 6,1 Prozent.

Stefan Mutschler.