Fujitsu hat im vergangenen Jahr die Weichen für einen Umbau des Konzerns gestellt. So will das japanische Unternehmen sich in Europa zu einer Sales- und Service-Organisation weiterentwickeln. Im Zuge des Umbaus plant der Technologiekonzern, vermehrt in die starken Wirtschaftsräume in Europa zu investieren, wie Rupert Lehner, Senior Vice President Head of Central Europe and Products EMEIA Managing Director Germany, im Rahmen einer Presseveranstaltung in München berichtete.

Unter anderem habe das Unternehmen auch den EMEA-Raum in zwei Regionen aufgeteilt. Unter Central Europe fasst Fujitsu künftig Deutschland, Österreich und die Schweiz zusammen. Ziel des Umbaus ist es, sich für die künftigen Herausforderungen der Digitalisierung – etwa IoT, Industrie 4.0 etc. – aufzustellen. Dabei setzt man laut Lehner nicht auf einen kurzfristigen Erfolg, sondern plant einen längeren Zeitraum von mehreren Jahren ein.

Auch die im Herbst letzten Jahres angekündigte Schließung des Standorts in Augsburg mit seinen 1.500 Mitarbeitern im September 2020, zu dem ein Werk zur Produktion von Computern „Made in Germany“ gehört, ist laut Lehner ein Baustein des Umbaus. Inzwischen hat sich hier einiges Neues getan: So habe man inzwischen mit der Arbeitnehmerseite nach „fairen und harten Verhandlungen“ bereits vor Ostern einen Sozialplan abgeschlossen, deren Ergebnisse der Fujitsu-Mann für beide Seiten als „sehr gut“ bezeichnet. Während einige Angestellte in Rente gehen, soll es für andere einen Übergang für neue Jobs geben.

Zudem hat sich Fujitsu nach eigenen Angaben in der Zwischenzeit dazu entschlossen, einen neuen Standort im Wirtschaftsraum Augsburg zu eröffnen, an dem man dann rund 350 Mitarbeiter beschäftigen will. „Am neuen Standort werden wir uns mit Themen beschäftigen, die wir als sehr wichtig für unsere weitere Entwicklung ansehen“, sagte Lehner. So sollen in Augsburg unter anderem der technische Support für die angebotenen Dienstleistungen, die Bestellprozesse für ganz EMEA oder eine Schnittstelle zur Kern-R&D-Abteilung in Japan weiterhin angesiedelt sein.

Fokus auf vertikale Märkte

Zu den neuen Themen wird trotz des Wegfalls der Produktion in Augsburg auch weiterhin das Produktgeschäft gehören. Dieses ist nach Angaben des Fujitsu-Manns in Central Europe um rund 18 Prozent gewachsen. Zudem sehe er vor allem integrierte Systeme als wichtige Bausteine für ein zukünftiges Wachstum. Auch habe der Konzern mit der Neustrukturierung der EMEA-Region den Fokus auf eine vertikale Ausrichtung verstärkt, etwa auf die Bereiche Automobil-, produzierende und Finanzindustrie, öffentliche Hand sowie den deutschen Mittelstand.

Neben der Produktion will Fujitsu außerdem das eigene Service-Angebot weiter ausbauen. Hierbei setzt der Konzern zum einen auf eigene Angebote und zum anderen auf Partnerschaften, etwa mit SAP, wenn es um die Bewältigung der Herausforderungen rund um HANA geht, oder mit Microsoft im Cloud-Umfeld, wo der Fokus auf der Cloud-Plattform Azure liegt. Sowohl mit SAP als auch mit Microsoft verbinde Fujitsu eine enge und langfristige Partnerschaft, so Lehner.

Bei den Services spiegeln sich darüber hinaus die einzelnen vertikalen Bereiche wieder. So bietet Fujitsu unter anderem Services in Richtung Workplace, Cloud-Orchestrierung, Blockchain und Application-Management neben den bereits bestehenden Dienstleistungen rund um die eigenen Produkte und Maintenance an. Eine Herausforderung ist es laut Lehner, klassische Services, etwa aus dem Datacenter-Umfeld, mit neuen Themen zu verknüpfen. Hierzu hat der Hersteller beispielsweise nun die sogenannten Connected Services angekündigt.

Dabei handle es sich um eine Dienstleistung, die sich damit beschäftigen soll, wie sich Techniken – auch von Drittherstellern – konkret einsetzen, kombinieren, integrieren und effizient betreiben lassen – etwa wenn es darum geht, Industriezweige oder Geschäftsmodelle zu vernetzen. Ziel sei eine Ende-zu-Ende-Integration unterschiedlicher Produkte und Services in einem durchgängigen System. Dies soll Geräte am Edge, vertikale Softwareanwendungen, die Aggregation unterschiedlichster Komponenten, die Einbeziehung von komplexen Cloud-Plattformen sowie künstliche Intelligenz und Analytics auf sämtlichen Ebenen umfassen, so Fujitsu weiter.

Die Connected Services will der Konzern nach eigenen Angaben in speziellen Ausführungen für die Automobilindustrie, die Fertigungsindustrie sowie für den öffentlichen Sektor anbieten. Um eine möglichst optimale Lösung für ein Szenario zu finden, setzt das japanische Unternehmen außerdem auf das Cocreation-Prinzip, also eine enge Zusammenarbeit mit Anbietern, Partnern und Nutzern. Ziel sei es, auf diese Weise agile Resultate zu erzielen, die eine bestimmte Anpassungsfähigkeit im Hinblick auf die weitere Entwicklung gewährleisten können. Dabei sollen auch lokale Kenntnisse von hauseigenen Experten einfließen, um so beispielsweise auf regionale Besonderheiten eingehen zu können.

Dem Fachkräftemangel entgegenwirken

Damit dies gelingt, plant Fujitsu, massiv in die neuen Felder zu investieren. Für Central Europe soll der Betrag laut Lehner im dreistelligen Millionenbereich liegen. Ein Schwerpunkt sei der neue Service-Bereich, aber auch die Rekrutierung neuer Fachkräfte sowie die Weiterbildung bestehender Mitarbeiter spiele hierbei eine Rolle. Für die Nachwuchsgewinnung plant der Konzern beispielsweise, die bisherige EPS Acedemy (Enterprise Platform Services) auszuweiten. Dabei handle es sich bisher um eine Recruitment-Projekt für den Mainframe-Bereich des Herstellers. Laut Lehner soll diese Plattform nun zur „Central Europe Academy“ ausgebaut werden und ein flächendeckendes Netzwerk aus Universitäten aus ganz Deutschland umfassen. Auf diese Weise hofft man, mit der Zeit neue Fachkräfte für den eigenen Konzern gewinnen zu können.

Timo Scheibe ist Redakteur bei der LANline.