Auf seiner Hausmesse Discover präsentierte Hewlett Packard Enterprise (HPE) letzten Monat in Las Vegas Neuheiten wie eine Scale-out-Lösung namens Composable Cloud als Ergänzung zur Composable Infrastructure oder disaggregierte HCI-Lösungen (hyperkonvergenten Infrastruktur), bei der Compute und Storage individuell skalieren (LANline berichtete). Auf einer Pressekonferenz nahe München stellte HPE nun zwei weitere Neuerungen vor: ein von Grund auf neu konzipiertes Speichersystem namens Primera und das strategische Ziel, bis 2022 sämtliche Lösungen „as a Service“ anzubieten.

Die digital transformierte Wirtschaft benötigt ununterbrochen verfügbare Daten wie der Mensch die Luft zum Atmen. Geschäftskritische Speicher sollten für die „Datennutzung 4.0“ dank Cloud-Basis im Handumdrehen aufzusetzen, ebenso problemlos zu nutzen, schnell skalierbar und dabei natürlich so verlässlich sein wie die hochverfügbaren Speichersysteme im hauseigenen RZ.

Soweit die Theorie. In der Praxis hingegen bevorzugen es laut einer IDC-Umfrage fast alle – genauer: 93,3 Prozent – der Unternehmen weiterhin, kritische Storage-Systeme auf lokaler Infrastruktur vorzuhalten. Denn trotz zunehmender Beliebtheit der Cloud als bequem erreichbarer Speicherort für Backup, Archivierung oder Filesharing: Für den Primärspeicher, an dem der Geschäftserfolg hängt, verlassen sich IT-Leiter dann doch lieber auf hochverfügbare Storage-Systeme vor Ort, mit kurzen Wegen – Stichwort: Latenz – und unter ihrer direkten Kontrolle.

Das Problem: Traditionelle Hochverfügbarkeitssysteme sind nicht für das Cloud-Zeitalter gebaut. Einfache Einrichtung und agile Skalierung à la Cloud einerseits, Resilienz auf Systemebene für unternehmenskritische Datenbestände andererseits schienen deshalb lange unvereinbar. Diesen Spagat wagt nun HPE mit seinem neuen Speichersystem Primera.

Primera ist für eben solche Datenbestände konzipiert, die Höchstverfügbarkeit erfordern. Damit, so Till Stimberg, Leiter Category Hybrid IT DACH und Russland, könne man PBytes von Daten wie Cloud Storage verwalten, während HPE zugleich „unübertroffene Leistung“ und 100 Prozent Verfügbarkeit verspricht. Letztere wird dem Anwenderunternehmen laut Stimberg vertraglich garantiert. Dem Vorbild des „mal eben Speicher in der Cloud Einrichtens“ folgend soll das System schnell – in nur 20 Minuten – aufzusetzen sein.

Schematische Darstellung der All-Active-Architektur der Primera-Speichersysteme. Bild: HPE

Schematische Darstellung der All-Active-Architektur der Primera-Speichersysteme. Bild: HPE

NVMe-optimierte Speicherarchitektur

Primera nutzt eine All-Active-Architektur, die das Analystenhaus IDC im Whitepaper „HPE Primera Resets Expectations for High-End Storage“ wie folgt beschreibt: „In HPEs neuer ‚All-Active-Architektur‘ sind alle Controller und alle Caches die ganze Zeit aktiv, was für niedrige Latenz und hohen Durchsatz sorgt.“ Dabei setzt HPE auf NVMe (Non-Volatile Memory Express). „Als Storage-Protokolltechnik unterstützt NVMe eine um mindestens drei Größenordnungen höhere Parallelisierung als SCSI“, erläutert IDC, „und HPE Primera nutzt dies mit einem Design, das für Solid-State Storage hochgradig optimiert ist.“ Dieser Multi-Node-Architekturansatz sorgt laut HPE-Fachmann Stimberg dafür, dass Primera die volle Performance aus dem NVMe-Speicher herausholen und Ausfallsicherheit erzielen kann.

Dazu hat HPE auch die Firmware von Grund auf neu entwickelt: Statt eines monolithischen Betriebssystems baut Primera auf ein Service-zentrisches OS. Hier, so Stimberg, sei jedes Feature ein Service und somit als Software abgebildet, die auf dem OS läuft. Die Primera-Architektur entkopple damit die Datendienste, ermögliche sichere Updates und reduziere die Zahl der Neustarts: Man könne jedes Element einzeln neu durchstarten und müsse auch nur patchen, was man tatsächlich nutzt.

„Patchen“ ist laut Stimberg dabei eher im Sinne von „optimieren“ zu verstehen. Denn Primera nutzt die KI-basierte (künstliche Intelligenz) Management-Lösung InfoSight, die sich HPE mit der Akquisition von Nimble Storage ins Haus geholt hatte. Performance-Probleme, so Stimberg, entdecke InfoSight auf der Basis bestandsweit aggregierter Performance-Daten automatisch. Die Ergebnisse gebe die Software als Empfehlungen aus, wie der Betrieb zu verbessern ist.

Als Beispiel für InfoSight-Empfehlungen nannte Thomas Meier, Chief Technologist Hybrid IT DACH und Russland, Fragen des Kapazitäts-Managements: Ein Unternehmen betreibt auf einer Maschine sechs SAP-HANA-Instanzen und möchte wissen, ob es auf der Plattform auch noch eine siebte laufen lassen kann. Solche Abschätzungen waren bislang sehr aufwendig, sollen nun aber mit InfoSight schnell zu realisieren sein.

Ein Primera-System optimiert sich auf Systemebene zwar laufend selbst, eine automatische Umsetzung der Empfehlungen ist laut Stimberg Stand heute noch nicht möglich: Die Ausführung erfolge stets erst nach dem OK durch das IT-Team des Anwenderunternehmens.

Die Primera-Gerätefamilie besteht aus den Modellen 630, 650 und 670. Die Varianten unterscheiden sich in der Zahl der Controller, NVMe/SAS-Karten und Laufwerke. Jedes Modell ist mit All-Flash (A6xx) oder Converged Flash (C6xx) erhältlich. Die Modelle 630 und 650 nutzen Skylake-10c-CPUs, der größere Bruder Skylake 20c. Auch die Memory-Kapazität pro Knoten variiert (630: 128 GByte, 650: 256 GByte, 670: 512/1.024 GByte). Mehrere Systeme lassen sich laut HPE aus einer InfoSight-Plattform heraus managen, allerdings bislang nicht als ein Komplettsystem.

Die Primera-Gerätefamilie besteht aus den Modellen 630, 650 und 670. Bild: HPE

Die Primera-Gerätefamilie besteht aus den Modellen 630, 650 und 670. Bild: HPE

Ein wichtiger Aspekt der Plattform ist laut Stimberg der Investitionsschutz: Nicht nur sei die Software stets vollständig enthalten, auch Controller-Aufrüstungen seien kostenlos. Zudem verspricht der Konzern einen „zeitlosen Speicher“, also eine reibungslose Aufrüstung über Hardwaregenerationen hinweg. Die Gerätefamilie soll im August auf den Markt kommen.

2022 alles (auch) as a Service

Resiliente Hardware hin oder her: Mittelfristig stehen auch bei HPE die Zeichen auf Software und (Cloud-)Services. Heiko Meyer, der Vorsitzende der Geschäftsführung von HPE Deutschland und VP Global Sales DACH und Russland, verwies auf die Strategievorgabe von CEO Antonio Neri von der US-Discover: „Bis 2022 wird HPE sein gesamtes Portfolio als Dienstleistung anbieten.“ Gemeint ist damit allerdings nicht „rein as a Service“, sondern „auch as a Service“: Der Konzern will durchaus auch nach 2022 noch Geräte zum Kauf für den lokalen Einsatz offerieren.

Will „die Einfachheit der Cloud auf die Erde bringen“: HPEs Deutschland-Chef Heiko Meyer. Bild: HPE

Will „die Einfachheit der Cloud auf die Erde bringen“: HPEs Deutschland-Chef Heiko Meyer. Bild: HPE

Übereinstimmend mit weiten Teilen der IT-Branche prognostizierte HPEs Deutschland-Chef Meyer angesichts des Zusammenwachsens von IT und OT (Operational Technology): „Wir werden eine hybride Umgebung haben.“ Denn dank der Verbreitung vernetzter OT gewinne der Netzwerkrand (Edge) an Bedeutung: „Intelligent Edge wird zum Zentrum der digitalen Welt werden“, so Meyer. Er verwies dazu auf die Einschätzung von Gartner, nach der künftig 75 Prozent der Daten am Edge erzeugt und ausgewertet werden.

Dies verursacht neue Komplexität – und diese, so Meyer, gelte es, beherrschbar zu machen. Die Aufgabe bestehe darin, „die Einfachheit der Cloud auf die Erde bringen“. Dazu müsse man IT-Ressourcen verbrauchsabhängig und vollautomatisiert bereitstellen. Für Vollautomation will HPE mit seiner Composable Infrastructure, SimpliVity und Co. sorgen, für die verbrauchsabhängige Abrechnung mit den GreenLake-Angeboten. Das Prinzip von GreenLake: Das Anwenderunternehmen wählt aus, was es wo und wie lange nutzen möchte, und zahlt die IT-Ressourcen nur nach Gebrauch.

HPE hatte das Abrechnungsmodell vor acht Jahren vorgestellt, damals unter dem Namen „Flexible Capacity“. Heute sei GreenLake HPEs am schnellsten wachsendes Portfolio: Der Bereich zähle 600 Kunden mit insgesamt 2,8 Milliarden Dollar Umsatzvolumen. 99 Prozent der GreenLake-Nutzer verlängern ihre Verträge, betonte HPE. Die Anwenderschaft erziele im Schnitt 65 Prozent schnellere Provisionierung und 30 Prozent Kostenersparnis, da der Ansatz Überkapazitäten vermeidet. So zahle man zum Beispiel bei Backup pro genutztem TByte, nicht pro Hardware. Der Vertrieb erfolgt indirekt: Man habe für GreenLake schon heute 400 Channel-Partner, monatlich kommen laut HPE 50 neue hinzu.

HPE erweiterte zur Discover sein GreenLake-Portfolio um Netzwerk- und Mittelstandsangebote. Bild: HPE

HPE erweiterte zur Discover sein GreenLake-Portfolio um Netzwerk- und Mittelstandsangebote. Bild: HPE

Das GreenLake-Portfolio umfasste bislang GreenLake Flex Capacity für Server, Storage, VMs und Container, Workload-Angebote (zum Beispiel für Backup oder SAP HANA) sowie Hybrid-Cloud-Angebote für AWS, Azure (einschließlich Azure Stack) und Google Cloud. Auf der Discover neu hinzugekommen sind „Network as a Service“-Lizenzierungsmodelle für die Netzwerkgeräte der Aruba-Familie sowie – unter dem Namen GreenLake Mid-Market – vorkonfigurierte Workloads für den Mittelstand. Diese Kapazitäten können bei einem Colocation-Anbieter oder aber beim Anwenderunternehmen selbst installiert sein. Dank vorgefertigter Konfigurationen und Auswahl aus einem Service-Katalog sei das Portfolio sehr einfach zu beziehen.

Den Vertriebspartnern will HPE die GreenLake-Lizenzierung mit neuen Werkzeugen erleichtern: Mittels GreenLake Quick Quote sollen Partner Angebote in nur fünf Minuten erstellen können, ein Consumption Analytics Portal vereinfache die Verbrauchs- und Kostenanalyse. Zudem gibt es mit GreenLake Chatbot einen KI-basierten Bot, um Vertriebsanfragen zu beschleunigen. Gerald Perchthaler, Sales Director HPE Greenlake DACH und Russland, betonte aber gegenüber LANline, dass der Bot stets im Zusammenspiel mit einem Fachmann agiere, der im Hintergrund die Beratungskompetenz beisteuere. Es gehe schließlich nicht um vereinfachtes Call-Routing wie bei einem Helpdesk, sondern um Vertriebsunterstützung.

Als weitere Support-Maßnahmen für Vertriebspartner unterhält HPE neben seiner Tech Pro Community auch eine Sales Pro Community und eine Marketing Pro Academy. Letztere soll die Partner dabei unterstützen, neue Wege der Vermarktung zu beschreiten, etwa per Redesign ihrer Websites oder Einbindung von Social-Media-Kommunikation.

Grenzenlose Wolken

Unter dem Strich zielt HPE somit auf eine durchgängige Hybrid-Cloud-Architektur, bei der die Grenzen zwischen lokal installierten Systemen und Public Cloud verschwimmen. Und diesen Ansatz will man nicht nur Konzernen, sondern zusammen mit Channel-Partnern auch dem Mittelstand schmackhaft machen.

Weitere Informationen finden sich unter www.hpe.com.

Dr. Wilhelm Greiner ist freier Mitarbeiter der LANline.