Stolz berichtete Igel auf seiner Hausmesse Disrupt, die Ende Januar in München stattfand, von der erfolgreichen Transformation seines Geschäftsmodells: Der Bremer Anbieter, vorrangig bekannt als der Lokalmatador im Thin-Client-Endgerätemarkt, hat sich als Softwarehaus für das Virtual-Workspace-Management neu erfunden. Treiber dieser Entwicklung ist Igels rasant wachsendes US-Geschäft.

Während die Bremer hierzulande als Hersteller von Thin-Client-Hardware groß geworden sind, treten sie in den USA – daher auch der Name der Hausmesse und deren Motto „Challenge Everything“ – als „disruptiver“ Anbieter auf: als ein Player, der sich vorgenommen hat, ein Marktsegment durcheinanderzuwirbeln. Dazu positioniert sich Igel heute nach sechsjähriger Vorarbeit nicht mehr als biederer Hersteller bewährter TCs „Made in Germany“. Das neue Selbstverständnis ist: Anbieter einer Cloud-basierten, leicht bedienbaren Endpoint-Management-Software, die es ermöglicht, herstellerübergreifende Infrastrukturen für den Zugriff auf digitale Arbeitsplätze aufzubauen und zu betreiben (LANline berichtete).

Und Igels Rechnung scheint aufzugehen, wie der einst so hanseatisch-dezente Anbieter auf seiner nun sehr auf cool und „amerikanisch“ gestylten Veranstaltung hervorhob: Man habe im Jahr 2018 über 100 Millionen Euro Umsatz erzielt und „fast eine halbe Million“ Endpoints mit dem hauseigenen Igel OS (also hardware- und softwarebasierte Endpunktlizenzen) verkauft. Insbesondere das Wachstum des Softwaregeschäfts sei überdurchschnittlich gewesen: Der globale Softwareumsatz hat laut Igel letztes Jahr um 50 Prozent zugelegt. Nicht zuletzt habe man sieben Aufträge im Volumen von über einer Million Dollar an Land gezogen.

Das Umsatzplus in den USA von 79 Prozent ist laut Igel-CEO Heiko Gloge dem Fokus auf die Softwarelösung geschuldet – ist dies doch der Heimatmarkt der TC-Schwergewichte Dell und HPE. Dabei betont insbesondere Dell stets, zu seiner TC-Marke Wyse eine sehr funktionsreiche Verwaltungssoftware mitzuliefern. „Der Vorteil unserer Lösung ist, dass man sie herstellerübergreifend einsetzen kann“, kommentiert Gloge.

Wandel zum Softwarehaus läuft

Noch aber ist Igel in der Transformation zum Softwarehaus begriffen: 80 Prozent des Umsatzes stammten 2018 nach wie vor vom Hardwaregeschäft. Es werde, so Heiko Gloge gegenüber LANline, wohl noch zwei Jahre dauern, bis man das Verhältnis von Hardware- zu Softwaregeschäft von 80/20 zu 20/80 gedreht hat.

Dazu haben die Bremer nun zusammen mit Version 11 ihres modularen Linux-basierten TC-Betriebssystems Igel OS die „Igel Workspace Edition“ eingeführt. Diese nutzt ein neues Lizenzmodell, das die Hardware von der Software entkoppelt: Igel-OS-Lizenzen – Kauflizenzen ebenso wie Software-Subscriptions – lassen sich nun flexibel zwischen x86-Geräten übertragen („Lizenz-Roaming“).

„Das neue Lizenzmodell ist auf die Nutzung aus der Cloud ausgerichtet“, so Igel-CEO Gloge im LANline-Interview. „Wir cloudifizieren alles – was keinen Cloud-Ansatz hat, bringt uns nicht weiter. Dadurch ist unser Ansatz sehr Service-Provider-freundlich.“

Das EUC-Portfolio (End-User Computing) der Bremer besteht aus mehreren Komponenten. Kernbaustein ist das Igel OS für den Zugriff auf virtualisierte Desktops und Applikationen, sei es per lokaler oder in einer Private Cloud gehosteter VDI (Virtual Desktop Infrastucture), sei es via DaaS (Desktop as a Service) aus einer Public Cloud heraus. Für die Verwaltung der Igel-OS-Endpoints sorgt die Universal Management Suite (UMS), die sich laut Igel selbst für sehr große Umgebungen eignet. Für diesen Zweck offeriert man nun ein „Enterprise Management Pack“, das alle Zusatzfunktionen bündelt, die eine IT-Organisation im Konzernmarkt benötigt, darunter das Igel Cloud Gateway für den Fernzugriff.

Zudem gibt es nun neben einem modernisierten Igel-OS-Interface für den bequemeren Systemstart auch mehrstufige Support-Angebote bis hin zum 24×7-Support. Neben dem hauseigenen OS, so Gloge gegenüber LANline, wolle Igel künftig auch weitere Betriebssysteme in die Verwaltung aufnehmen können: iOS-Devices ebenso wie Geräte und Android Enterprise oder Samsung Knox. Ziel sei hier nicht ein vollumfängliches Unified-Endpoint-Management, sondern vielmehr eine grundlegende Verwaltung auf Device-Management-Ebene – eben jene Kontrolle, die nötig sei, um den sicheren, verlässlichen Zugriff auf digitale Workspaces garantieren zu können.

Weitere Bausteine in Igels EUC-Konzept heißen Universal Desktop Converter (UDC) und UD Pocket. Die UDC-Software ermöglicht die Konvertierung eines Endgeräts zu einem zentral verwalteten Igel-TC. Damit wollen die Bremer die Weiterverwendung bestehender Endpunkte bis zu deren Abschreibung ermöglichen. Dies soll den Unternehmen einen Stein auf dem Weg hin zu digitalen Arbeitsplätzen aus dem Weg räumen. UD Pocket wiederum hat die kompakten Maße eines sehr kleinen USB-Drives und bietet eine portable Digital-Workspace-Umgebung, die man von wechselnden Endgeräten aus starten kann.

Fachkräftemangel und digitale Arbeitsplätze

Nathan Hill, Research Vice President bei Gartner (siehe Bild oben), beleuchtete in seiner Disrupt-Keynote das Umfeld von Igels Neupositionierung und fasste aktuelle Entwicklungen im Endpoint-Markt zusammen. Der Analyst warnt: EUC-Verantwortliche, die sich weiterhin auf das traditionelle Geräte-Management und auf Verbesserungen der Verwaltungswerkzeuge für die IT-Organisation konzentrieren, werden bald ihren Job verlieren. Denn der Fachkräftemangel ist derzeit laut Gartner-Umfragen für CEOs das größte Wachstumshemmnis – und, so Hill: „Die hellsten Köpfe fordern neue Arbeitsumfelder.“ Es werde deshalb eine Evolution hin zu „Unified Workspaces“ geben. Ziel sei es hier, die Zusammenarbeit im Team ebenso zu fördern wie die Produktivität der einzelnen Mitarbeiter.

„Die hellsten Köpfe fordern neue Arbeitsumfelder“, betont Gartner-Analyst Nathan Hill. Bild: Dr. Wilhelm Greiner

„Die hellsten Köpfe fordern neue Arbeitsumfelder“, betont Gartner-Analyst Nathan Hill. Bild: Dr. Wilhelm Greiner

Diese Evolution wird laut dem Gartner-Analysten in inkrementellen Schritten erfolgen. So seien zum Beispiel derzeit die Kosten für DaaS unter allen Workspace-Bereitstellungsvarianten am höchsten; die Entwicklung dieser Form der Provisionierung digitaler Arbeitsumgebungen stehe aber eben noch recht am Anfang. Deshalb erwarte man bei Gartner, dass in den nächsten fünf Jahren 30 Prozent aller lokalen VDI-Umgebungen auf DaaS-Plattformen abwandern werden.

Marktbeobachter Hill geht zudem davon aus, dass das Gros der IT-Organisationen in den kommenden Jahren spezielle „Digital-Workplace-Teams“ bilden wird, um die Computing-Anforderungen der Endanwender besser erfüllen zu können. „Wir brauchen hier auch nicht-technische Kenntnisse“, so Hill mit Blick auf die optimale Gestaltung mitarbeiterfreundlicher digitaler Arbeitsumgebungen. „Diese nicht-technischen Rollen werden enorm wichtig sein.“ Sein Fazit: Im Unternehmen benötige man einen „Endpoint-Computing-Leader“.

Plattform für das End-User Computing

Igel-Chef Gloge weiß, dass man digitale Arbeitsumgebungen, die derart hoch gesteckten Erwartungen gerecht werden, selbst als langjähriger TC- und Endpoint-Management-Spezialist nicht allein stemmen kann: „Es geht um das Zusammenspiel der Technologiepartner“, so Gloge zu LANline. „Deshalb positionieren wir UMS als ‚Plattform‘ für das Endpoint-Management.“ UMS lasse sich über offene REST-APIs in bestehende Management-Suiten einbinden; zugleich erlauben es diese offenen APIs laut Gloge den rund 80 Partnern aus Igels Ökosystem, ihre Speziallösungen zu integrieren.

„Es geht um das Zusammenspiel der Technologiepartner“, so Igel-CEO Heiko Gloge. Bild: Dr. Wilhelm Greiner

„Es geht um das Zusammenspiel der Technologiepartner“, so Igel-CEO Heiko Gloge. Bild: Dr. Wilhelm Greiner

Dies ist laut dem Igel-Chef zum Beispiel wichtig, um Gerätschaft aus dem IoT-Umfeld (Internet of Things) mit unter das UMS-Management nehmen zu können. In diese Thematik wolle man künftig „tiefer eintauchen“. Als Kernmärkte für Igels Engagement sieht er dabei den Handel sowie das Gesundheitswesen: „IoT spielt im Retail- und im Healthcare-Markt eine große Rolle“, sagt Gloge. So habe man zum Beispiel für ein US-Krankenhaus das Dialysegerät mit Igel OS ausgestattet und so ins zentrale Management aufgenommen.

In vielen Szenarien geht es laut Igel-CTO Matthias Haas vor allem darum, den sicheren, verlässlichen Betrieb der Arbeitsumgebungen zu gewährleisten. So arbeite man zum Beispiel für Workspace Analytics mit Lakeside Software zusammen. Eine weitere Technologiepartnerschaft wiederum habe es ermöglicht, die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung zwischen Server und Endgerät bis zur Tastatur auszudehnen: Mittels Keystroke Encryption werden gleich die Tastatureingaben verschlüsselt.

Laut Heiko Gloge beschäftigt Igel derzeit rund 300 Mitarbeiter, zwei Drittel davon in Deutschland. Die Entwicklung der Software erfolge ausschließlich in Deutschland, nämlich am langjährigen Entwicklungsstandort Augsburg. In den USA arbeiten unter der Führung von Jed Ayres – CMO von Igel, zugleich Chef des Amerika-Geschäfts – mit Headquarter in San Francisco derzeit 65 Mitarbeiter für den deutschen EUC-Herausforderer. Den 24/7-Support leistet man von Augsburg und den USA aus.

Im DACH-Markt hat Igel laut eigenen Angaben letztes Jahr 48 neue Mitarbeiter eingestellt, davon allein 34 im zweiten Halbjahr. Auch in den USA will der „Disrupter“ laut CEO Gloge schnell weiter wachsen: Gerade habe Igel eine Niederlassung in Chicago eröffnet, zudem plane man, die regionalen Teams in den USA jedes Jahr zu verdoppeln.

Ein schlauer Schachzug der Norddeutschen: Neben dem Ausbau des Mitarbeiterstamms setzt man bei Igel zugleich auf Community-Arbeit. In der Igel-Community sind derzeit laut Gloge rund 1.300 User registriert, für die Koordination hat man schon vor zwei Jahren den in der Branche sehr bekannten Fachmann Doug Brown als Global Technology Evangelist gewonnen.

Weitere Informationen finden sich unter www.igel.com.

Dr. Wilhelm Greiner ist freier Mitarbeiter der LANline.