Digitale Workspaces für die Zukunft der Arbeit

Die Illusion des Vertrauten

20. Januar 2020, 07:00 Uhr   |  Von Dr. Wilhelm Greiner. | Kommentar(e)

Die Illusion des Vertrauten

Das Karussell des Fortschritts rotiert immer schneller, und die resultierende Fliehkraft hat schon längst eine Vielzahl vertrauter Dinge von der Schreibtischplatte gefegt: Desktop-PC, Tischtelefon und vieles mehr. Nun zerrt diese Kraft am Schreibtisch selbst: Microsoft will den Desktop neuerdings in die Cloud exportieren, in Kooperation mit Citrix, VMware und anderen. Geht es nach Citrix, verschwindet der Desktop sogar ganz: An seine Stelle tritt ein Feed à la Facebook - jenes Interface, das vielen Mitarbeitern heute am vertrautesten ist.

Der Mensch ist viel mehr Gewohnheitstier, als er zugeben will. Denn seine Psyche scheint dafür prädestiniert, nur das wahrzunehmen, was er auch wahrnehmen will - Fachleute sprechen vom "Cognitive Bias", kognitiver Verzerrung. Dass man sich heute dank Social Media rund um die Uhr in einer Echokammer Gleichgesinnter bewegen kann, kommt da natürlich gerade recht. Dennoch gibt es Umbrüche, die so radikal sind, dass wir Gewohnheitstiere uns genötigt sehen, den Kopf aus dem Sand zu ziehen und der Veränderung - sei es unerwarteter Fortschritt oder unbequeme Wahrheit - ins Auge zu schauen.

So lebte der Homo Sapiens seit Hunderttausenden von Jahren ganz gut davon, seine Umwelt nach Gusto auszubeuten - und doch reift nun (wenn auch zögerlich) angesichts von Klimakrise und Plastikflut die Erkenntnis, dass das nicht ewig so weitergehen kann. Weiteres Beispiel: "Never touch a running system" lautete einst das Mantra des IT-Betriebs - doch dann kamen Cloud-Computing und agile Softwareentwicklung. "Läuft und läuft und läuft", das wollte man in der deutschen Automobilindustrie so lange vom Verbrennungsmotor glauben, bis man sich mit Vorwürfen bombardiert sah, die Wende zur Elektromobilität verpasst zu haben. Und geradezu legendär ist die Vehemenz, mit der Steve Ballmer, damals Microsoft-CEO, 2007 das Potenzial des frisch vorgestellten iPhones nicht erkannte - oder nicht erkennen wollte.

Deutschen Autobauern nicht unähnlich schien Microsoft jahrelang einen wichtigen Trend zu verschlafen: den zu cloudbasierten Arbeitsumgebungen (Desktop as a Service, DaaS). Obwohl Cloudvorreiter AWS schon 2013 ein DaaS-Angebot vorgestellt hatte (seit 2016 sogar mit Abrechnung im Stundentakt), schien der König des klassischen Desktops das Feld seinem langjährigen Partner Citrix, den Cloudkonkurrenten VMware und AWS sowie einigen weiteren Playern zu überlassen.

Doch 2019 war es vorbei mit "Never touch a running desktop": Microsoft gab bekannt, man werde die von Marktkennern und Anwenderunternehmen längst herbeigesehnte Multi-Session-Version von Windows 10 herausbringen - jedoch ausschließlich für den Bezug aus der hauseigenen Azure-Cloud. Was als jahrelanges Zögern erschien, kann man im Rückblick durchaus auch als geschicktes Timing des Konzerns verstehen: In mehrfach praktizierter Manier wartete man in Redmond zunächst ab, bis eine Nische Massenmarktpotenzial entwickelt, um dann mit der geballten Power des nach wie vor weltgrößten Softwarehauses einzusteigen: Zum 30. September 2019 war der Windows Virtual Desktop (WVD) offiziell international (in 54 Regionen) verfügbar.

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Der sichere Zugriff auf Windows Virtual Desktop erfordert das Zusammenspiel von Microsoft-Azure-Umgebung und lokaler IT-Infrastruktur des Anwenderunternehmens. Bild: Microsoft

Dieser DaaS-Einstieg war von langer Hand vorbereitet: Mit Office 365 hatte Microsoft seine Unternehmenskundschaft zunächst damit vertraut gemacht, traditionell lokal implementierte Funktionalität der Office-Standardapplikationen aus der Cloud zu beziehen. Mit Microsoft 365 steht zudem ein Bundle aus Windows 10, Office 365 und Verwaltungswerkzeugen in der Wolke bereit. Da ist es dann - zumindest in der Theorie - nur noch ein kleinerer Schritt, die digitalen Arbeitsplätze komplett in Redmonder Hände zu legen und auf Azure hosten zu lassen.

Außerdem lockt Microsoft Bestandskunden, die trotz Extended-Support-Ende am 20. Januar 2020 immer noch bei Windows 7 geblieben sind, mit der Option, beim WVD-Abonnement nochmals drei Jahre Support-Verlängerung zu erhalten. Für deutsche Unternehmen wichtig: Der US-Konzern hatte 2018 verkündet, in Deutschland zwei Cloudregionen für Azure aufzubauen, um das unbeliebte Cloud-Treuhändermodell der T-Systems-Kooperation zu ersetzen. Dies kann der Hyperscaler nun deutschen Bedenken bezüglich Datenhaltung und Datensicherheit entgegensetzen.

Smart, mobil, vernetzt, urban

Horace Dediu ist ein Wirtschaftsanalyst, der sich als Apple-Kenner einen Namen gemacht hat. Neuerdings spannt er einen interessanten Bogen vom mobilen Arbeiten per Smartphone und Cloud zum Thema E-Mobilität: Das iPhone war laut Dediu "disruptiv", weil es das Mobiltelefon auf eine neue Grundlage stellte. Schließlich ist das iPhone nicht einfach nur ein "smartes Telefon", sondern vielmehr ein sehr kleiner und sehr vielseitiger Computer, dem es dank Fokus auf Daten statt Sprache und mittels App-Ökosystem gelang, ein ganz neues Marktsegment zu schaffen.

Ein solches Disruptionspotenzial sieht Dediu auch bei der E-Mobilität - allerdings nicht beim E-Auto, sondern bei der Mikromobilität, die er als "urbane Mobilität" bezeichnet: E-Fahrzeuge von unter 500 kg, also E-Bikes, E-Lastenräder, E-Trikes, E-Scooter etc. Den iPhones ähnlich, sind sie - gegenüber dem klassischen Automobil, egal ob Verbrenner oder Elektro - klein, flexibel, leicht bedienbar sowie, etwa bei den Fahrradverleihfirmen, intelligent vernetzt. Damit, so Dediu, revolutionieren sie nach iPhone-Art den Markt der urbanen Mobilität - und dieses Marktsegment wächst deutlich schneller als der nach wie vor dümpelnde E-Automobilmarkt.

Der hippe, urbane Mitarbeiter von heute steht nicht stundenlang im Stau, um dann von neun bis fünf am Schreibtisch zu sitzen: Er fährt die Kinder mit dem Fahrrad oder E-Bike zur Kita und setzt sich dann mit Notebook, Smartphone und/oder Tablet mal ins Home Office, mal ins Büro, mal in den bevorzugten "Third Place". So nennen Soziologen jenen dritten Ort, der weder Zuhause noch Arbeitsstätte ist, an dem man sich aber dennoch bevorzugt aufhält - also zum Beispiel jene Art von Kaffeeausschank, in der für alles gesorgt ist, was der moderne Digitalnomade so braucht: bequeme Sitzecke, Barista, WLAN.

Unser moderner Nomade hat im Alltag somit oft weder direkten Zugriff auf ein Unternehmens-LAN, lokale Backup-Medien oder einen lokalen Drucker, noch trifft er Kollegen aus dem Nachbarbüro für die spontane Besprechung zwischen Tür und Angel. Damit verlagert sich sein Arbeitsplatz geradezu zwangsläufig in die Cloud: Internet statt Enterprise-(W)LAN, Filesharing statt "siehe Attachment", Cloud-Backup, Cloud Printing, cloudbasierte Collaboration per Messaging und Web-Conferencing. Da liegt es nahe, gleich den gesamten digitalen Workspace aus der Cloud zu beziehen: Dies erleichtert das geräteübergreifende Arbeiten, erspart dem Anwender Software-Updates wie auch Patches und minimiert den Schaden, falls doch mal ein Latte Macchiato aufs MacBook kippt. Schließlich gilt bei DaaS das Thin-Client-Prinzip: Selbst im Worst Case geht nur dumme Hardware verloren.

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Einrichtung von Applikationen mit dem WVD-Management-Portal. Bild: Microsoft

Nicht nur die Latte-Macchiato-Fraktion

Anders als Apple, Google oder AWS-Mutter Amazon wurzelt Microsofts Business in der Consumer- wie auch in der Unternehmenswelt. So verwundert es nicht, dass man in Redmond mit WVD weniger den hippen Third-Place-Einzelkämpfer als vielmehr durchaus umfangreiche und komplexe Unternehmensszenarien ins Visier nimmt. Ein Whitepaper, das Microsoft zum WVD-Launch herausbrachte, nennt als Einsatzfälle für Windows Virtual Desktops neben mobilen oder externen Mitarbeitern auch regulierte Organisationen, Umgebungen mit besonders hohen Sicherheitsanforderungen, Szenarien mit dynamischen Nutzerzahlen oder zeitlich begrenzter Nutzung oder auch Umgebungen mit Sonderanforderungen wie etwa die - heute oft geografisch verteilte - Softwareentwicklung.

Entsprechend bietet Microsoft mit WVD Single-Session- wie auch Multi-Session-Konfigurationen auf der Basis von VDI (Virtual Desktop Infrastructure) oder Windows 10 Multi-Session, App-Masking (regelbasierte nicht-persistente Windows-Umgebungen mittels Technik von FSLogix), die Weiternutzung bestehender Windows-Server-Images (ab Windows Server 2012 R2) sowie Support für bestehende Active-Directory-Strukturen (per Azure AD Connect).

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Citrix ersetzt die klassische Desktop-Oberfläche durch einen Feed nach Social-Media-Art mit Direktzugriff auf vorgeschlagene nächste Schritte (im Bild rechts oben). Bild: Citrix

Zudem betont Microsoft, für WVD verfüge man über mehr als 90 Sicherheits- und Compliance-Zertifizierungen, darunter neben der obligatorischen ISO 27001 zum Beispiel auch Konformität mit den BaFin-Vorgaben sowie das C5-Testat des BSI.

Ins Auge fällt, dass Microsoft zum WVD-Start auf eine Reihe von Kooperationen verwies, darunter nicht nur - wie zu erwarten - der langjährige Virtual-Desktop-Partner Citrix, sondern auch VMware, Microsofts großer Konkurrent im Server-Virtualisierungsmarkt: Mit VMware Horizon Cloud auf Microsoft Azure will man Unternehmen die Möglichkeit geben, Azure-Instanzen und Horizon-Cloud-Umgebungen zu integrieren, um eine sichere Cloudumgebung für den Betrieb virtueller Applikationen und Desktops zu schaffen. Neben Horizon offeriert VMware mit Workspace One auch eine eigene Virtual-Workspace-Plattform für den Betrieb im lokalen RZ oder in der Cloud.

Auf der VMworld 2019 stellte das Softwarehaus den Workspace One Intelligent Hub vor, der als zentraler Startpunkt für alle Applikationen, Workflows und Benachrichtigungen dienen soll. Mittels eines virtuellen Assistenten und Sprachsteuerung (hier setzt VMware auf IBM Watson) will man IT- und HR-Workflows erleichtern und zum Beispiel für ein schnelleres Onboarding (Neuregistrierung) von Mitarbeitern sorgen (LANline berichtete, siehe Link). Machine Learning (ML) soll es der IT-Organisation dabei erleichtern, Abweichungen vom normalen Benutzerverhalten aufzudecken. Höchste Priorität hat hier die IT-Sicherheit. Um angesichts kontinuierlicher Überwachung des Mitarbeiter- und Geräteverhaltens Bedenken bezüglich des Datenschutzes abzumildern, gibt Workspace One dem Endanwender über eine App Auskunft über alle Daten, die das System über ihn sammelt. Außerdem, so VMware, sei es möglich, den Betriebsrat bei Änderungen an datenschutzrelevanten Abläufen Workflow-basiert zu informieren.

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VMware begegnet Datenschutzbedenken zur ML-Dauerüberwachung mit einer App, die über erfasste Daten Auskunft gibt. Bild: VMware

Feilen an der Employee Experience

Wie bei VMware, so steht auch bei Citrix die sogenannte "Employee Experience" im Fokus, also die Art und Weise, wie ein Mitarbeiter sein digitales Arbeitsumfeld wahrnimmt und mit diesem interagiert. Beide Digital-Workspace-Anbieter wollen dem Endanwender den Alltag möglichst mühelos gestalten, und beide setzen dabei auf Machine Learning. Citrix sieht ML jedoch nicht nur als Hilfsmittel für die Security- oder Performance-Überwachung durch die Administratoren, sondern auch für die Endanwender selbst - und damit zur direkten Optimierung der Employee Experience: Citrix? Lösung namens Workspace - die ebenfalls on-premises laufen oder aber auf WVDs aufsetzen kann und kurz vor deren Start angekündigt wurde - nutzt als Ausgangspunkt für den Endanwender einen Feed in Social-Media-Manier - somit also ein Interface, in dem sich alle Digital Natives und auch das Gros der älteren Endanwender ohne Schulung zu Hause fühlen dürften.

Der Citrix-Workspace-Feed bündelt relevante Informationen und "Call to Actions", also Buttons, die dem Endanwender den nächsten anstehenden Workflow-Schritt per Mausklick direkt zugänglich machen (LANline berichtete, siehe dazu Link). Diese basieren auf sogenannten Micro-Apps: Monolithische Applikationen zerlegt die Software in Funktionshäppchen, um dem Endanwender in möglichst vielen Situationen den "kurzen Dienstweg" zu ebnen. Dabei, so Citrix, priorisiere und präsentiere der Workspace die anstehenden Aktionen intelligent und gerätebezogen (also am Smartphone anders als am PC). Im Hintergrund soll Machine Learning es dabei ermöglichen, dass sich der Workspace im Lauf der Zeit immer besser an die Bedürfnisse des Endanwenders anpasst. Ergänzend nutzt Citrix natürlich seine Management-Werkzeuge für die schnelle Provisionierung und Skalierung digitaler Workspaces sowie für die Performance-Optimierung bei der Nutzung, unter anderem über das hauseigene Fernzugriffsprotokoll HDX. Citrix wie auch VMware bieten zudem SD-WAN-Lösungen für den optimierten Zugang zu den WVD-Instanzen auf Azure.

Neben Citrix und VMware, die Microsoft beim WVD-Start besonders hervorhob, sind 17 weitere Partner zur Ergänzung der Windows Virtual Desktops von Anfang an mit an Bord. Dazu zählen diverse Anbieter von Management-Werkzeugen zur schnellen Provisionierung von Cloudressourcen und digitalen Workspaces sowie für deren optimierte Verwaltung und Absicherung, darunter ControlUp mit seiner gleichnamigen Analyse- und Automationsplattform, Ivanti mit der Lösung User Workspace Manager, Lakeside mit seiner Systrack-Software für die Leistungsüberwachung und -optimierung oder auch Liquidware mit seiner Verwaltungs- und Optimierungslösung Essentials.

Zu der Anbieterschar zählen auch zwei deutsche Unternehmen: der Bremer Anbieter Igel - mit seinem Thin-Client-Betriebssystem Igel OS und der Universal Management Suite zur Endpoint-Verwaltung - sowie das Berliner Softwarehaus ThinPrint mit seiner gleichnamigen Druck-Management-Lösung und der Cloud-Printing-Lösung Ezeep. Dass sich von den 19 WVD-Partnern mit PrinterLogic, Printix, Tricerat und ThinPrint gleich vier dem Thema Drucken verschrieben haben, zeigt: Auch das Büro in der Cloud funktioniert offenbar noch nicht ganz so papierlos, wie sich das viele Nutzer seit Jahren erhoffen.

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ThinPrint bietet mit Ezeep eine Cloud-Printing-Lösung für das doch noch nicht so papierlose Arbeiten mit WVD. Bild: ThinPrint

2020 und darüber hinaus

Microsofts Einstieg in das DaaS-Geschäft lässt mancherorts in der Branche die Hoffnung keimen, dass 2020 das Jahr sein könnte, an dem sich cloudbasierte digitale Arbeitsplätze als ebenbürtige Desktop-Bereitstellungsoption etablieren können. Doch man sollte eines nicht vergessen: Ob Smartphone, urbane Mobilität oder die Zukunft des Arbeitens, Disruptionen dauern ihre Zeit. Denn letztlich sind die Entscheider im Unternehmen wie auch die Endanwender - und in seinem tiefsten Herzen sicher auch der E-Bike-fahrende Digitalnomade - eben doch Gewohnheitstiere: Man möchte, dass alles so funktioniert, wie es schon immer funktioniert hat, vor allem schnell und verlässlich. Der DaaS-Erfolg hängt damit wesentlich von flächendeckender Verfügbarkeit schneller Internet-Anbindung ab - und hier hapert es in Deutschland bekanntlich an allen Ecken und Enden: Sobald man sich leichtsinnigerweise von der Arbeitsstätte, dem Home Office oder dem Lieblingscafé mit Gratis-WLAN entfernt, ist es schnell vorbei mit der Illusion, in der Cloud "so wie früher" arbeiten zu können. Die frühen Anwender disruptiver Technik mussten eben schon immer hart im Nehmen sein. Darauf einen Double-Shot Latte Macchiato mit Sojamilch!

Dr. Wilhelm Greiner ist freier Mitarbeiter der LANline.

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