Interview mit Gartner-Analyst René Büst

Gaia-X: Wie souverän ist Europa?

02. September 2020, 12:30 Uhr   |  Wilhelm Greiner

Gaia-X: Wie souverän ist Europa?
© BMWi

Laut Gartner-Zahlen vom August wuchs der globale IaaS-Markt (Infrastructure as a Service) von 2018 bis 2019 um über 37 Prozent. Amazon und Microsoft dominieren das Segment mit fast zwei Drittel (63 Prozent) Marktanteil, Alibaba liegt mit neun Prozent auf Rang 3, dann folgen Google und Tencent. Auffällig: Die Top fünf sind ausschließlich US-amerikanische und chinesische Konzerne – Europa taucht hier nicht auf. Vor diesem Hintergrund sprach LANline mit dem Cloud-Experten und Gartner-Analysten René Büst über das Gaia-X-Projekt, mit dem Europa in die Champions League der Cloud-Provider aufsteigen will.

LANline: Herr Büst, Sie sind der Lead-Autor des aktuellen Gartner-Papiers „Market Trends: Europe Aims to Achieve Digital Sovereignty with Gaia-X“. Wie schätzen Sie angesichts des aktuellen globalen Cloud-Services-Markts die Relevanz des Gaia-X-Projekts ein?

René Büst: Die Relevanz ist hoch! Europa hat ausreichend Cloud-Provider, darunter auch viele lokale Anbieter, aber den großen Plattformen hat man kaum was entgegenzusetzen. Wir sind auf digitale Technologien und Services nicht-europäischer Unternehmen angewiesen. Deshalb ist es wichtig zu hinterfragen, wie technisch souverän Europa tatsächlich ist. Wenn eine Seite „den Hahn zudreht“, haben wir ein riesiges Problem.

„Wir sind auf digitale Technologien und Services nicht-europäischer Unternehmen angewiesen“, warnt Garnter-Analyst René Büst.
© Gartner

„Wir sind auf digitale Technologien und Services nicht-europäischer Unternehmen angewiesen“, warnt Gartner-Analyst René Büst.

LANline: Gaia-X positioniert sich allerdings nicht als Konkurrenzprodukt zu US- und chinesischen Providern, sondern als Ökosystem, das Interoperabilität schaffen möchte...

René Büst: Ja, man möchte ein föderales System, um Endkunden die Freiheit zu geben, ihre Daten und Anwendungen nach Bedarf zu manövrieren. Mit Daten geht das, mit Applikationen wird es schwierig. Gaia-X soll diesen Lock-in verringern, um sicherzustellen, dass Europa handlungsfähig bleibt.

LANline: Ist der gewählte Weg der Gaia-X Foundation dazu der geeignete Ansatz?

René Büst: Die Bundesregierung hat aus früheren Fehlern gelernt. Sie hat die Rahmenbedingungen geschaffen und das Projekt nun der Foundation und damit den 22 – potenziell aber hunderten – beteiligten Unternehmen übergeben. Es wird eine Herausforderung sein, sie alle unter einen Hut zu bekommen, da diverse Interessen vorhanden sind. Es spielen viele große Unternehmen mit, die schon Erfahrung damit haben, solche Umgebungen aufzubauen. Die Frage ist damit, wie schnell Gaia-X handlungsfähig wird. Es ist schwer einzuschätzen, wie gut die Beteiligten alle an einem Strang ziehen können. Wenn es gelingt, sich als Marktplatz und Ökosystem für Innovationen zu positionieren, ist das schon ein Erfolg: Das schafft eine Alternativinfrastruktur, auf der sich Startups positionieren können. Aber auch das Startup-Kapital ist dabei wichtig: Wenn dieses Kapital aus den USA kommt, wie souverän ist Europa dann?

LANline: Wie schätzen Sie die Erfolgschancen von Gaia-X ein, sich gegenüber AWS, Microsoft & Co. zu etablieren?

René Büst: Ich will nicht sagen, dass es nicht erfolgreich wird, aber die Beteiligten müssen Schwung an den Tag legen und die Endanwender, insbesondere den Mittelstand, mit einbeziehen. 99 Prozent der Unternehmen in Europa sind kleine oder mittelständische Unternehmen, die fehlen bislang in der Gaia-X Foundation. Es muss gelingen, die mittelständischen Kunden mit an Bord zu holen und deren Bedürfnisse abzudecken.

LANline: Wer werden die Early Adopters von Gaia-X-Angeboten sein, wo ist die Nachfrage?

René Büst: Early Adopters sind wahrscheinlich die Anbieter aus der Foundation selbst, also größere Unternehmen, die die Gaia-X-Infrastruktur nutzen, um selbst Angebote für ihre Kunden aufzubauen. Hinzu kommen Unternehmen, die konkrete Use Cases wie etwa künstliche Intelligenz haben.

LANline: Ist das föderale Prinzip eher ein Vorteil oder Nachteil für die Markteinführung?

René Büst: Aufgrund der hohen Bedeutung der Geschwindikeit kann es eher von Nachteil sein: Man muss alles untereinander abstimmen, Schnittstellen definieren etc. Es gibt viele Gremien, langwierige Prozesse und Integrationsherausforderungen. Die Vergangenheit hat gezeigt: Unternehmen, die alles selbst in der Hand haben – etwa ein „Closed Shop“ wie zum Beispiel Apple – sind erfolgreich.

LANline: Was sind neben der Frage des Tempos und der Föderalität die Haupthindernisse für den Erfolg von Gaia-X?

René Büst: Zur Komplexität und der Abstimmungsarbeit kommt die Aufgabe, Gaia-X zu erklären. Bislang ist das Konzept sehr nebulös: Was kann ich als Kunde damit machen, was ist der Vorteil? Die „Value Proposition“ von Gaia-X darzustellen ist eine Herausforderung, die man dringend bewältigen muss.

LANline: Herr Büst, vielen Dank für das Gespräch.

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