In Zukunft sollen Endanwender mit ihrem digitalen Arbeitsplatz genauso schnell und effizient umgehen können wie mit ihrem privaten Social-Media-Feed – jedoch unterstützt durch produktivitätsförderliche „Micro-Apps“, durchgängig abgesichert und mit Wahlmöglichkeiten beim Deployment. Dazu, so verkündete Citrix den rund 5.000 Besuchern seiner Hausmesse Synergy, die dieses Jahr in der US-Südstaatenmetropole Atlanta stattfand, habe man die digitale Arbeitsplatzlösung Citrix Workspace weiterentwickelt zum „Intelligent Workspace“.

Büroarbeit ist das, was Büroarbeiter zur Büroarbeitszeit machen, sofern sie nicht durch tausend andere Dinge abgelenkt werden. Den Soundtrack dazu liefert ein Klangteppich aus Tastaturgeklapper, klingelnden Telefonen, dem Gefiepse eingehender Messages, dem Stöhnen von Mitarbeitern, die sich für das schlichte Anklicken eines OK-Buttons durch 17 Applikationsfenster hangeln müssen, und gelegentliches Fluchen eines Kollegen, der ein Dokument sucht, das er gestern ganz bestimmt irgendwo auf SharePoint gespeichert hatte.

Wir sind umzingelt von „smarten Geräten“, Hunderten Apps und Tausenden stets verfügbarer Cloud-Services. Und trotzdem besteht der Arbeitsalltag nach wie vor zu erheblichen Teilen aus dem Abarbeiten dröger Routineaufgaben, der langatmigen Suche nach Informationshäppchen und ähnlichen Lästigkeiten, die wertvolle Arbeits- und Lebenszeit rauben. Wann ist gleich wieder das Team-Meeting nachher? Habe ich schon zugesagt? Zugfahrt und Hotel für die nächste Dienstreise schon gebucht? Und wo sind gleich wieder die Bilder für den anstehenden Synergy-Artikel abgespeichert? Oh, Moment, ich schweife ab. Aber genau darum geht es: Man verzettelt sich, man verliert den roten Faden – effizientes Arbeiten geht irgendwie anders.

Citrix will das jetzt ändern. Der Anbieter virtueller Arbeitsumgebungen macht deshalb den Sprung vom digitalen Workspace (der schlicht Apps und Services übergreifend aggregierte) zum „intelligenten Workspace“. Dies soll Mitarbeitern eines Unternehmen möglichst produktives Arbeiten erlaubhen, statt dass Alltagskleinkram sie ausbremst. Es gehe um die „Employee Experience“, so CEO David Henshall (siehe Bild oben), also darum, wie die Belegschaft ihr Arbeitsumfeld wahrnimmt. Und dieses ist eben, der Digitalisierung sei’s gedankt, in zunehmendem Maße davon bestimmt, wie effizient man sich durch seine Aufgaben hindurchtippt und -klickt.

Doch allzu oft, so Henshall, stehe motivierten Mitarbeitern ein veralteter Werkzeugbestand im Weg. Dies mindere das Engagement, die Produktivität und letztlich den Unternehmensgewinn. Er zitierte eine Hochrechnung, wonach mangelndes Engagement der Mitarbeiter weltweit einen Verlust von sieben Billionen Dollar pro Jahr verursache. Auch trägt es wohl nicht unbedingt zur Besserung der Lage bei, dass ein durchschnittliches Unternehmen über 500 Applikationen im Einsatz hat und durch den Trend zur Cloud stets noch weitere hinzukommen. Citrix will deshalb laut Henshall den Endanwendern einen Tag Arbeitszeit pro Woche „zurückgeben“ – nämlich jenen Tag, den sie statistisch damit verbringen, nach Informationen zu suchen, die gerade nicht greifbar sind. Die Endanwender seien „Konsumenten des Arbeitsplatzes“, an ihren Bedürfnissen müsse man den Workspace ausrichten.

Facebookisierung der Arbeit

Als „Consumerization“ – also auf Deutsch ungefähr „Konsumentisierung“ – bezeichnet das Analystenhaus Gartner das Phänomen, dass sich die Unternehmens-IT in letzter Zeit verstärkt an dem orientiert, was im Consumer-Bereich bereits Usus ist. Gartner bezieht sich dabei vorrangig auf Aspekte wie Smartphones, Apps für alles und jedes sowie bequemes mobiles Arbeiten. Dazu gehört aber zum Beispiel auch der echtzeitnahe Chat oder die situationsbedingte Nachricht auf das Smartphone, dass der geplante Flug sich verspätet. So kennt man das heute, so erwartet man es überall – auch am Arbeitsplatz. Derlei Consumer-Ansprüche stellt Citrix immer stärker in den Mittelpunkt seines Workspace-Konzepts und -Designs: Citrix Workspace zeigt sich heute, wie Chief Product Officer PJ Hough dem Publikum demonstrierte, im Gewand eines Facebook-Feeds. Der Endanwender bekommt damit in einer (fast) allen Endanwendern vertrauten Form die Vorgänge präsentiert, die für seine Arbeitsabläufe relevant sind.

Citrix Workspace zeigt sich heute im vertrauten Gewand eines Social-Media-Feeds. Bild: Citrix/Dr. Wilhelm Greiner

Citrix Workspace zeigt sich heute im vertrauten Gewand eines Social-Media-Feeds. Bild: Citrix/Dr. Wilhelm Greiner

Anwenderfreundliche Benutzerführung – der Fachmann spricht von „Usability“, der Fachjournalist findet das Wort scheußlich – ist aber bestenfalls die halbe Miete. Denn selbst wenn der digitale Arbeitsplatz alles, was so ansteht, konsumentengerecht aufbereitet, so weiß der geplagte Endanwender leider immer noch nicht, ob er für das Meeting zugesagt hat und wo sich die Synergy-Bilder denn nun verstecken. Sprich: Der digitale Arbeitsplatz sollte nicht nur schön aussehen, sondern muss unter der glitzernden Schale auch etwas zu bieten haben.

Wirklich interessant wird es deshalb erst, wenn man unter die Facebook-artige Haube von Citrix Workspace und auf den Motor schaut: Den „Activity Feed“ generieren sogenannte „Micro-Apps“, eine Technik, die Ende 2018 per Akquisition des Anbieters Sapho zu Citrix ins Haus kam. Jeder Eintrag im Feed ist einer Applikation entnommen und mit Handlungsoptionen hinterlegt, die auf die aktuelle Aufgabe zugeschnitten sind. Ein Beispiel: Eine Vorgesetzte erhält eine Nachricht über den Urlaubsantrag eines Mitarbeiters zusammen mit dem Antrag als PDF nebst den Buttons „Akzeptieren“ und „Zurückweisen“ – sonst nichts. Eine Grafik zur Entwicklung der Verkaufszahlen wiederum kommt mit Optionen wie „An das Sales-Team versenden“ etc.

Der Aufruf eines Eintrags aus dem Activity Feed führt je nach dessen Art zu passenden Folgeaktionen, etwa Detailbetrachtung, Weiterleitung oder Genehmigung. Bild: Citrix/Dr. Wilhelm Greiner

Der Aufruf eines Eintrags aus dem Activity Feed führt je nach dessen Art zu passenden Folgeaktionen, etwa Detailbetrachtung, Weiterleitung oder Genehmigung. Bild: Citrix/Dr. Wilhelm Greiner

Der digitale Arbeitsplatz soll also künftig nicht nur relevante Informationen übersichtlich aufbereiten, sondern zugleich den Weg für die naheliegenden Folgeschritte ebnen. Denn, wie Hough anmerkte: „Wir denken nicht in Applikationen, sondern in Aktionen.“ Zusammen mit dem intuitiven „Look and Feel“ soll diese Automation von Routineaufgaben per Micro-App-Funktionalität Engagement und Produktivität der Mitarbeiter deutlich steigern – laut Citrix-Angaben um rund 20 Prozent.

„Wir denken nicht in Applikationen, sondern in Aktionen“, so Citrix’ Chief Product Officer PJ Hough. Bild: Citrix/Dr. Wilhelm Greiner

„Wir denken nicht in Applikationen, sondern in Aktionen“, so Citrix’ Chief Product Officer PJ Hough. Bild: Citrix/Dr. Wilhelm Greiner

In die richtige Richtung geschubst

„Nudging“ – also Anstupsen – nennen Psychologen ein Vorgehen, das zu einer bestimmten Handlung verleiten soll, ohne dass die betroffene Person sich gleich gegängelt fühlt. Ein Beispiel wäre die Betriebskantine, die an der Kasse Obst statt Süßkram in Sicht- und Reichweite der Kunden platziert, während die zucker- und fetthaltigen Kalorienbomben weiter unten in Schienbeinhöhe liegen, im Regal mit der Aufschrift „Hüftgold“. Der Mensch ist nun mal so gestrickt, dass er oft dem Naheliegenden gegenüber dem schwer Erreichbaren den Vorzug gibt – Supermarktketten leben ganz gut von solchen allzumenschlichen Heuristiken. Im digitalen Bereich kennt man dieses Nudging etwa in Form von YouTubes Empfehlungen für das Betrachten des nächsten Videos oder auch Amazons „Kunden, die X kaufen, interessierten sich auch für Y“.

Neben der Social-Media-Anmutung macht Citrix auch dieses Nudging für den digitalen Arbeitsplatz nutzbar. Die Basis dafür liefert eine Recommendation Engine (also Empfehlungsalgorithmen), die Handlungsoptionen vorschlägt. Sie soll den Workspace allmählich immer stärker an die tatsächlichen Anforderungen des Endanwenders anpassen und Aufgaben entsprechend priorisieren. Dabei deckt die Arbeitsumgebung laut Citrix virtuelle und SaaS-basierte Anwendungen ebenso ab wie Mobilgeräte-Apps und Dateibestände. Zudem passe sich der Intelligent Workspace dem Endgerät an, so Hough: Am Mobilgerät erhalte man die Inhalte und Handlungsoptionen, die zum Nutzungsverhalten unterwegs passen – Dinge, die man etwa beim Warten auf den Aufzug schnell per „OK“-Button erledigen kann, werden höher priorisiert.

Die Mobilegeräteansicht des Workspaces priorisiert Aktionen, die unterwegs schnell erledigt sind, etwa die Aufnahme eines neuen Kollegen ins Adressbuch. Bild: Citrix/Dr. Wilhelm Greiner

Die Mobilegeräteansicht des Workspaces priorisiert Aktionen, die unterwegs schnell erledigt sind, etwa die Aufnahme eines neuen Kollegen ins Adressbuch. Bild: Citrix/Dr. Wilhelm Greiner

Zusätzlich zu den schnellen Handlungsoptionen bestehe aber auch stets die Möglichkeit einer genaueren Betrachtung des Vorgangs, so der Citrix-Mann. Vom Activity Feed aus hat ein Feed-Verweigerer zudem weiterhin direkten Zugriff auf Bereiche mit den vertrauten Applikationen und den Dateien. Sehr nützlich: Ergänzend lassen sich laut Hough jetzt auch lokal installierte Applikationen in den intelligenten Workspace einbinden.

Der IT-Abteilung wiederum gibt man mit „Citrix Analytics for Performance“ ein Werkzeug an die Hand, um Cloud- und standortübergreifende Performance-Metriken der Applikationen und Infrastruktur aus Endanwendersicht zu erhalten. So soll sie problematische Fälle schneller identifizieren und Störungen proaktiv beheben können. Micro-App-Integrationen gibt es laut Hough bereits mit einer Reihe verbreiteter Applikationen von Office 365 bis Salesforce und ServiceNow. Zur Verfügbarkeit der Lösung Ende des Jahres sollen weitere hinzukommen. Mit einem Tool namens Micro App Builder könne ein Unternehmen außerdem die Workspaces um zusätzliche Kleinstapplikationen erweitern, entweder per API-gestützter Entwicklung oder mittels Coding-freier Integration.

Employee Experience, Sicherheit, Wahlfreiheit

Der intelligente Workspace beruht für Citrix auf den drei Säulen Benutzbarkeit (Employee Experience), Sicherheit und Wahlfreiheit. Der Anbieter umrahmte deshalb die zentrale Neuerung intelligenter, (teil-)automatisierter Nutzerführung um eine Salve weiterer News, die diese drei Aspekte betrafen. So bat man auch dieses Jahr wieder Microsoft-VP Brad Anderson auf die Bühne, um den weiteren Ausbau der Partnerschaft mit Redmond im Hinblick auf gesteigerte Produktivität vorzustellen.

Zu den Neuheiten zählen hier Citrix Managed Desktops on Azure. Mit ihnen kann ein Unternehmen (oder dessen Systemhaus) laut Hough neue Nutzer innerhalb weniger Stunden mit kompletten Cloud-basierten Desktops ausstatten. Windows Virtual Desktops auf Azure mit Citrix-Support (inklusive Citrix’ Fernzugriffsprotokoll HDX) sind, so betonte Anderson, die einzige offizielle Lizenz für das Hosting von Windows-Desktops in einer Public Cloud. Ebenfalls neu ist eine HDX-Beschleunigung für Microsoft Teams, die Office-365-Optimierung mittels Citrix SD-WAN (globales Load-Balancing zum nächstgelegenen O365-Point-of-Presence) ebenso wie Citrix-Support für Microsofts Intune Device Compliance APIs. Dies, so Anderson, ermögliche die Kontrolle des Fernzugangs mit einschränkbarem Zugriff im Sinne einer Zero-Trust-Umgebung.

Für die IT-Abteilung gibt es nun ein Analytics-Tool, um die Qualität der Employee Experience im Blick zu behalten (siehe Bild) und potenzielle Probleme schnell angehen zu können. Bild: Citrix/Dr. Wilhelm Greiner

Für die IT-Abteilung gibt es nun ein Analytics-Tool, um die Qualität der Employee Experience im Blick zu behalten (siehe Bild) und potenzielle Probleme schnell angehen zu können. Bild: Citrix/Dr. Wilhelm Greiner

Citrix’ Vice President Product Marketing Calvin Hsu widmete sich dem kritischen Themenkomplex Security, Datenschutz und Compliance. Hier, so Hsu, gehe es vorrangig darum, die Anforderungen der Mitarbeiter bezüglich bequemer Bedienung mit den notwendigen Sicherheitsmaßnahmen in Einklang zu bringen, ohne die Produktivität unnötig einzuschränken. Als goldenen Lösungsweg beschrieb er einen Workspace, der sich dank Micro-Apps so elegant bedienen lässt, dass die Mitarbeiter ihn den altmodischen lokalen Applikationen vorziehen. Denn dann seien die Endanwender automatisch durch die Sicherheitsmaßnahmen geschützt, die beim Workspace im Hintergrund ablaufen.

Für ein hohes Sicherheitsniveau sorgen sollen dabei die Kontrolle der Endgeräte-Sicherheit und -Compliance durch Endpoint-Management und entsprechende Integrationen, Fernzugriffe mit Verschlüsselung, SSO (Single Sign-on) und MFA (Multi-Faktor-Authentifizierung), Zugang über Secure Web Access, die Durchsetzung kontextbezogener Richtlinen (etwa Verbote von Copy/Paste) sowie das Machine-Learning-gestützte Monitoring des Applikations- und Anwenderverhaltens im Hinblick auf Abweichungen. Hinzugekommen ist in diesem Bereich ein Access Control Service für hybride Installationen, also von den Cloud-Services bis zu lokalen virtuellen Apps und Desktops. Hsu zeigte zudem zwei neue Schutzmechanismen zur Abwehr von Keylogging und unerwünschter Screenshot-Erstellung. Diese gesellen sich zu bestehenden Abwehrmaßnahmen wie Citrix’ Virtual Browser für den sicheren Zugriff etwa auf privat genutzte Websites und die Einbindung von Security-Tools wie Microsofts Security Graph oder Splunk.

Auch in puncto Wahlfreiheit hat sich einiges getan. So holte Citrix neben dem Stammgast Microsoft diesmal mit Rob Enslin erstmals einen Vertreter von Googles Cloud-Business auf die Bühne. Gemeinsam präsentierte man Neuheiten wie Machine Creation Serivces für den schnell skalierbaren Einsatz von Citrix Workspace auf Google Cloud, Citrix ADC High Availability for Google Cloud und Unterstützung für Google Identity im Citrix Workspace (neben AD, Azure AD, Okta und PingIdentity). Übrigens ebenso wichtig im Sinne flexibler Wahlmöglichkeiten: Citrix Virtual Apps and Desktops laufen auch in den Cloud-Umgebungen des Erz-„Marktbegleiters“ VMware – was Citrix aber nur betont beiläufig erwähnte.

Und schließlich gab es auch beim hauseigenen Application Delivery Controller – dem Herzstück hoher Skalierung und der SD-WAN-Angebote von Citrix – mehr Wahlfreiheit bei den Deployment-Option zu verkünden: Citrix ADC gibt es nun auch in der Variante BLX für die Bare-Metal-Installation. Damit bietet der Konzern hier alle Optionen von nativem Deployment (BLX) über Appliances (MLX) und virtuelle Appliances (VPX) bis hin zum Container (CPX) für Cloud-native Micro-Service-Umgebungen.

Vielversprechender Schritt

Citrix’ Umstieg auf ein Facebook-artiges User Interface samt kleiner digitaler Helferlein, die den Anwender elegant in die Richtung des nächsten anstehenden Arbeitsschrittes stupsen, hat das Potenzial zur spannendsten Entwicklung seit Langem im Bereich des digitalen Arbeitens. Man darf gespannt sein, wie die neue Arbeitsumgebung bei der Citrix-Klientel ankommt – und wie effektiv sich das Versprechen stetig verbesserter Unterstützung der Routinetätigkeiten in der Praxis verwirklichen lässt. Begrüßenswert ist jedenfalls Citrix’ Fokus auf das Dreigestirn aus Produktivität, Sicherheit und Wahlfreiheit – eine Wahlfreiheit, die manch ein Privatanwender beim Consumerization-Vorbild – der monopolistischen Datenkrake und Fake-News-Schleuder Facebook – so schmerzlich vermisst.

Weitere Informationen finden sich unter www.citrix.com.

Dr. Wilhelm Greiner ist freier Mitarbeiter der LANline.