Immer mehr Abläufe in der Wirtschaft und im Alltag basieren darauf, dass ein Server in einem Rechenzentrum reibungslos funktioniert. Kommt es heute zu einer Störung im Rechenzentrum, reichen die Auswirkungen von Flugausfällen bis hin zur Unterbrechung der Stromversorgung. Damit hat sich ein hochspezialisierter Industriezweig entwickelt, der sich mit Konzeption, Implementierung, Betrieb und Service von Datacentern beschäftigt.

Industrieanalysten bescheinigen der Branche weiteres Wachstum. Die Marktexperten von 451 Research erwarten, dass Rechenzentren weltweit von 2015 bis 2020 um 2,8 Prozent jährlich in der Fläche wachsen. Gleichzeitig erleben Anbieter von Colocation-Zentren ein Flächenwachstum im gleichen Zeitraum von knapp zehn Prozent jährlich. Bei Hyperscale-Cloud-Datacentern wird sogar ein Sprung von 20,3 Prozent pro Jahr erwartet – dort treibt der Trend zum Cloud-Computing das Geschäftsvolumen an.

In Deutschland erwartet das Borderstep Institut, eine gemeinnützige Forschungseinrichtung, einen Anstieg von etwa 1,9 Millionen Quadratmetern RZ-Fläche im Jahr 2017 auf rund 2,2 Millionen Quadratmeter im Jahr 2020 – ein Plus von rund 16 Prozent in drei Jahren. Laut Borderstep könnte das Investitionsvolumen in Deutschland 2017 bei über einer Milliarde Euro für die reine RZ-Infrastruktur ohne IT-Komponenten gelegen haben.

Deutschland ist gut positioniert

Wer ein Rechenzentrum betreibt, stellt hohe Anforderungen an die politische und wirtschaftliche Stabilität des Landes sowie an die Ausfallsicherheit der Stromversorgung und benötigt darüber hinaus eine leistungsfähige Internet-Anbindung. Vor diesem Hintergrund hat sich Deutschland als ein wichtiger Standort für Rechenzentren etabliert. Einziges Manko: Im Vergleich zu europäischen Nachbarländern sind die Energiepreise hierzulande deutlich höher, und Genehmigungsprozesse für Bauvorhaben benötigen vergleichsweise lang.

Dennoch sind in der Zeit von 2015 bis 2017 in der deutschen RZ-Industrie mehr als 10.000 neue Arbeitsplätze entstanden, so eine Borderstep-Schätzung. Aktuell sind rund 210.000 Menschen in diesem Markt beschäftigt, davon rund 130.000 Experten in den Datacentern direkt. Weitere 80.000 Mitarbeiter arbeiten in beauftragten Baufirmen, bei Systemhäusern und Sicherheitsdienstleistern sowie im Handwerk. Etwas gebremst wird diese Entwicklung jedoch durch den Fachkräftemangel im IT-Sektor: Zwar sind die Fachkräfte hierzulande gut ausgebildet, jedoch herrscht nach wie vor ein Mangel an IT-Experten.

Mehr Strom nötig

Insbesondere der Großraum Frankfurt hat in den vergangenen Jahren einen echten IT-Boom erlebt, und so findet sich heute rund ein Viertel der deutschen Rechenzentrumsfläche in dieser Region. Bereits im Jahr 2016 vermeldete der regionale Energieversorger Mainova, dass die im Großraum Frankfurt installierten Datacenter mit 19,42 Prozent erstmals mehr Energie verbrauchen als der Flughafen Frankfurt mit 18,85 Prozent. Borderstep geht davon aus, dass Rechenzentren in Deutschland ihren Energiebedarf vergrößern, von 12 Milliarden kWh pro Jahr im Jahr 2015 auf 16,4 Milliarden kWh pro Jahr in 2025. Zum Vergleich: Eine deutsche Großstadt verbraucht etwa fünf Milliarden kWh Strom jährlich. Weltweit wird ein Bedarf von etwa 375 Milliarden kWh pro Jahr in 2020 erwartet.

Abhängig vom Einsatzzweck kann es kostengünstiger sein, gezielt einzelne Racks zu kühlen, anstatt einen kompletten Raum zu klimatisieren. Das LCP DX von Rittal dient zur Kühlung kleiner IT-Räume und führt die Kaltluft mit der richtigen Temperatur direkt dem IT-Equipment zu. Bild: Rittal

Alleine diese Zahlen belegen bereits, dass sich Rechenzentren zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor entwickelt haben. Hinzu kommt, dass durch die digitale Transformation die Daten an sich immer wertvoller werden und für viele Unternehmen zu einem wichtigen Produktionsfaktor geworden sind. Themen wie Internet of Things, Industrie 4.0 und Big Data werden daher heute auch außerhalb des Rechenzentrums diskutiert. Der Grund: Daten rücken immer mehr in den Mittelpunkt der Wertschöpfungskette. Viele Fachbereiche benötigen sie für die tägliche Arbeit. Berater nutzen Datenanalysen beispielsweise zur Prozessoptimierung. Der Vertrieb sieht darin ein wichtiges Instrument, um neue Marktpotenziale zu erschließen und die Kundenzufriedenheit zu steigern.

Antriebe für diesen Trend zu datengestützten Abläufen sind die wirtschaftlichen Aussichten: Eine unter europäischen Unternehmen im Jahr 2017 durchgeführte Studie des McKinsey Global Instituts zeigt, dass 55 Prozent der deutschen Top-Manager durch die Digitalisierung eine positive Geschäftsentwicklung erwarten. Zudem könnten neue Automatisierungstechniken das deutsche BIP pro Kopf bis 2030 um bis zu 2,4 Prozentpunkte erhöhen.

Neue Rechenzentren braucht das Land

Insider fordern Politik und Wirtschaft dazu auf, künftig daran zu arbeiten, den RZ-Standort Deutschland weiter zu stärken und so die digitale Transformation voranzutreiben. Die Bedeutung von Daten und IT-Systemen für die Gesellschaft sollte besser kommuniziert und die Rahmenbedingungen für die Ansiedlung neuer Rechenzentren verbessert werden. Gleichzeitig sind Ausbildungsinitiativen in den Hochschulen notwendig, die auf künftigen Anforderungen im Datacenter eingehen.

Darüber hinaus können Unternehmen bereits heute damit beginnen, die Energieeffizienz ihrer Datacenter zu prüfen, um somit die finanziellen Einstiegshürden in die digitale Transformation zu senken. Die Erfahrung zeigt, dass sich durch Einsatz moderner Kühlsysteme die Energiekosten dauerhaft senken lassen, wodurch sich die Wirtschaftlichkeit verbessert.

Es kann sinnvoll sein, in kleinen IT-Umgebungen von einer Raumkühlung auf eine DX-basierende Rack-Kühlung (Direct Expansion) umzusteigen. Dabei kommen Split-Klimageräte mit Kühlmittel zum Einsatz, die direkt am Rack montiert sind. Hersteller wie beispielsweise Rittal liefern Kühlgeräte mit Inverter-gesteuerten Kompressoren, die schnell und direkt auf veränderte Lasten der Server im Rack reagieren. Weiterhin sollten Ventilatoren mit regelbaren EC-Motoren zum Einsatz kommen, da diese weniger Strom verbrauchen. Auf diese Weise kann es gelingen, trotz Ausbau der eigenen IT-Umgebung durch gezielte Modernisierung die Energiekosten niedrig zu halten und damit aktiv die digitale Transformation voranzutreiben. Dies sorgt gleichzeitig dafür, dass der deutsche Rechenzentrumsmarkt weiter wächst und neue Arbeitsplätze schafft.

Bernd Hanstein ist Hauptabteilungsleiter Produkt-Management IT bei Rittal, www.rittal.de.