Optionen für den Breitbandausbau

Eine Frage des Kabels

15. Juni 2015, 06:00 Uhr   |  Caroline Muchalla, freie Fachredakteurin in Düsseldorf./jos

Eine Frage des Kabels

Bedarfsgerechter Breitbandausbau setzt auf einen Mix verschiedener Ansätze und Techniken. FttH (Fiber to the Home) ist bislang immer noch mehr Vision als Trend. Es lohnt sich, die wichtigsten Details der unterschiedlichen Netze genauer zu betrachten.

Wie geht es schneller und besser ins Web: Über Telefon- oder TV-Kabel? Glasfaser oder LTE? Dass das Breitband-Internet wichtige Voraussetzung für Zukunftsfähigkeit ist, haben die meisten Netzbetreiber mittlerweile erkannt. Doch es gibt viele Wege ins schnelle Netz. Bekannte Verfahren für die verwendete breitbandige Zugangstechnik sind xDSL, DOCSIS, FttX oder kabellose Lösungen via Satellit, WLAN oder Mobilfunk. Immer mehr Firmen und Privatanwender entscheiden sich für einen Internetzugang der Kabel-TV-Anbieter, der über den Datenübertragungsstandard DOCSIS realisiert ist. Zentrale Gründe sind höhere Bandbreiten bei geringeren Grundgebühren. Die DSL-Provider steuern dieser Entwicklung mit der VDSL-Vectoring-Technik entgegen.
Ein Kabel fürs Fernsehen, eins für den Telefonanschluss: Es gab eine Zeit, da war die Zuordnung der verschiedenen Techniken recht einfach. In den eindimensionalen Netzen ging es lediglich um die Übertragung von TV-Programmen. Doch erst ein bidirektionales Netz ermöglicht leistungsstarke Triple-Play-Dienste: Telefonie, Internet und TV. Laut dem "Akamai State of the Internet Report" liegt die durchschnittliche Geschwindigkeit von Internet-Zugängen in Deutschland aktuell bei rund 8,8 MBit/s. In Großbritannien sind es 10,9 MBit/s, in Schweden gar 14,6 MBit/s. Keine guten Voraussetzungen für Umsatzsteigerungen oder Innovationskraft. Als Allheilmittel für die Breitbanderschließung wird in der öffentlichen Diskussion der Glasfaserausbau genannt, denn kein anderes Medium bietet mehr Bandbreitenreserven. Allerdings sind die Glasfasernetze bislang in den meisten Fällen nicht bis zum Verbraucher - also zu Privatkunden und Firmen - gelegt, sondern bilden eher den Backbone der Kommunikationsnetze, deren "letzte Meile" zumeist die vorhandenen Telefon-Kupfer-Doppeladern oder Koaxialkabel sind.
Größte Hürden für einen vermehrten Glasfaserausbau sind die enormen Kosten. Daher wird es in den kommenden Jahren eine Vielzahl verschiedener Techniken geben, die in Sachen Breitbandausbau eine Rolle spielen werden. Eine davon wird nach Einschätzung von Fachleuten das TV-Kabel sein, das bereits heute Download-Geschwindigkeiten bis zu 200 MBit/s bietet. Aber auch für die Kabelnetzbetreiber ist Glasfaser ein wichtiger Baustein im Netzausbau. So plant der in Nordrhein-Westfalen, Hessen und Baden-Württemberg tätige Kabelnetzbetreiber Unitymedia verstärkt FttH/FttB-Anschlüsse in Neubaugebieten. Die Tochter des größten internationalen Kabelunternehmens Liberty Global versorgt aktuell 12,7 Millionen deutsche Haushalte mit Breitbandkabeldiensten. Während Privatkunden ihren Internet-Zugang primär via Coax-Anbindung erhalten, bietet das Kölner Unternehmen Geschäftskunden auch individuelle Glasfaser-Anschlüsse an.
 
Kostengünstige und schnelle Koaxialkabel
Im Fokus steht bei den Kabelnetzbetreibern aber nach wie vor das Coax-Kabel. Dank des aktuellen Kabelstandards DOCSIS 3.0 können Anbieter die künftige Breitbandnachfrage über die heutigen Koaxialnetze adressieren - auch ohne Glasfaserleitungen bis in die Häuser und Wohnungen hinein verlegen zu müssen. Während zur Verlegung von Glasfaser viele Bauarbeiten geplant und Straßen aufgerissen werden müssen, können Koaxialanbieter Highspeed-Internet weiträumig und ohne aufwändige Tiefbauarbeiten bereitstellen. Doch was bedeutet Coax eigentlich genau? Koaxialkabel kommen primär in der lokalen Verteilebene zum Einsatz. Sie verfügen über mehr Kapazitäten als das Telefonkabelnetz, das für DSL-Anschlüsse genutzt wird, da sie besser abgeschirmt sind. Das Telefonkabel setzt für ADSL-/ADSL2+-Anschlüsse auf Frequenzen bis 2 MHz, die schnelleren VDSL-Anschlüsse auf rund 20 MHz. Internet über Kabel nutzt derzeit in vielen Netzen eine Kapazität von bis zu 24 Kanälen. Der Anbieter Unitymedia plant zukünftig, eine Kapazität von bis zu 24 Mal 50 MBit/s bei seinen Nodes bereitzustellen, also rund 1.200 MBit/s.
Im Telefonnetz hingegen hat jeder Nutzer seine eigene Doppelader bis hin zum sogenannten DSLAM (DSL Access Multiplexer), der sich meist im Hauptverteiler der Telekom befindet. Beim Kabelfernseh- oder Coax-Netz gibt es diese direkte Leitung nicht. Dort gilt das Prinzip des "Shared Medium". Alle Nutzer eines Gebiets hängen an einem gemeinsamen Kabelstrang. Sie teilen sich also die für das Internet verfügbaren Kapazitäten. Dies bedeutet, dass die Kabelbetreiber ihre Kapazitäten durchdacht planen müssen, um jedem Anwender ausreichend Übertragungskapazität an die Hand zu geben.
Im Telefonnetz hingegen ist die via DSL erzielbare Geschwindigkeit von den Eigenschaften der jeweils genutzten Anschlussleitung zwischen Nutzer und DSLAM abhängig. Je länger die Leitung und je weiter der Knotenpunkt entfernt ist, desto geringer ist die zur Verfügung stehende Bandbreite. Die Kabelbetreiber setzen alle 500 bis 2.000 Meter auf Verstärker. Dies verbessert die Signalübertragung, was wiederum bedeutet, dass die schnellen Geschwindigkeiten von bis zu 200 MBit/s in allen für den Kabelinternetstandard DOCSIS 3 ausgebauten Netzen nutzbar sind. Die Länge der Leitung oder die Entfernung zum Netzknoten spielt nur eine untergeordnete Rolle.
Für den Endkunden unterscheiden sich Coax-Kabel und Doppeladernetz auf den ersten Blick wenig. Zwar führen zwei verschiedene Kabel ins Haus, jedoch ermöglichen beide Internet, Telefonie und Fernsehen. Der wichtigste Unterschied offenbart sich in puncto Leistung: Bei steigender Entfernung zum Einsatzort sinkt die Bandbreite der Doppeladertechnik. Auch im Coax-Kabel der Kabelnetzbetreiber befindet sich zwar ein Kupferdraht. Ansonsten ist das Koaxialkabel technisch aber grundlegend anders als die kupferne Telefonleitung.
Die nutzbare HF-Bandbreite bei einem ADSL-Anschluss liegt bei rund 1,2 MHz, bei ADSL 2+ sind es 2,4 MHz, bei VDSL maximal 30 MHz. Über ein Koaxialkabel lassen sich hingegen Signale bis in den Gigahertz-Bereich übermitteln. Die Kabelnetze nutzen das Spektrum bis rund 862 MHz, die insgesamt erzielbare Bandbreite ist deshalb höher als bei DSL-Lösungen.
Ermöglicht das Kabel bereits heute Download-Geschwindigkeiten bis in den Gigabit-Bereich, können die DSL-Geschwindigkeiten stark variieren. Kabelbetreiber haben zudem die Möglichkeit, die Kapazität durch Node-Splits sicherzustellen. Ein Nodesplit wird durchgeführt, wenn es zu Kapazitätsengpässen kommt, also wenn es beispielsweise durch zu hohen Datenverbrauch einen Engpass an einem Node gibt. Bedingung, um vom schnellen und verlässlichen Breitbandinternet via TV-Kabel zu profitieren, ist der Zugang zum Kabelnetz, das aktuell von den großen Playern Unitymedia, Kabel Deutschland/Vodafone, Telecolumbus, Primacom und kleineren Anbietern bestimmt wird. Diese wollen ihr Netz nachfrageorientiert, bedarfsgerecht und in Zusammenarbeit mit den Kommunen weiter auszubauen.
Unterschiede gibt es zudem in Sachen tatsächliche Download-Geschwindigkeit. So hat die Europäische Kommission in einer Studie zu den Breitbanddiensten in Europa festgestellt, dass Anwender oft nicht die Download-Geschwindigkeiten erhalten, für die sie bezahlen. Im Durchschnitt stehen ihnen nur 74 Prozent der versprochenen Geschwindigkeit zur Verfügung.
 
Wettstreit DSL gegen Coax-Glasfaser
Rund 26 Millionen Deutsche surfen laut DSL-Breitbandreport für das dritte Quartal 2014 über das Festnetz. Darunter sind 21 Millionen DSL-Anschlüsse sowie rund fünf Millionen Internet-Abonnements der Kabelnetzbetreiber. Um Neukunden zu gewinnen oder Wechselwillige zu überzeugen, nutzen die Kabel-Provider zumeist ein Argument: Sie bieten netzweit deutlich höhere Download-Geschwindigkeiten als die klassischen DSL-Anbieter. Um nicht den Anschluss zu verlieren, setzen die DSL-Provider auf die sogenannte VDSL-Vectoring-Technik. Sie soll Störsignale verringern und so höhere Bandbreiten über größere Distanzen ermöglichen. In den ersten VDSL-Ausbaugebieten bedeutet dies seit einigen Monaten 100 MBit/s bei Downloads, das Doppelte der bisherigen DSL-Höchstgeschwindigkeit. Die Kabelbetreiber bieten bis zu 200 MBit/s im Download. Geschäftskunden erhalten sogar symmetrische Bandbreiten über das Kabelnetz.

Es lohnt sich, die Leistungsunterschiede zwischen Glasfaser- und Coax-Anschluss genau unter die Lupe zu nehmen.
Reik Elftmann, Netzwerkstratege bei Unitymedia: "Dank symmetrischer Anbindung können wir für Geschäftskunden die Hochgeschwindigkeitsverbindungen mit minimalen Latenzzeiten realisieren."

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