Igel-Hausmesse Disrupt, München

Der Igel mit dem zweiten Trick

11. Februar 2020, 12:30 Uhr   |  Von Dr. Wilhelm Greiner.

Der Igel mit dem zweiten Trick

Auf seiner Hausmesse Disrupt in Unterschleißheim bei München verkündete Igel am 5. Februar den über 600 Teilnehmern nicht nur beachtliche Wachstumszahlen, sondern auch einen Wechsel an der Führungsspitze: Jed Ayres (Bild oben), bislang neben Gründer Heiko Gloge Co-CEO für den US-Markt, ist nun alleiniger Chef des Bremer Thin-Computing-Spezialisten. Gloge bleibt dem Unternehmen als geschäftsführender Gesellschafter erhalten. Die große Nachricht auf Produktseite war eine neue Generation des Thin Clients UD3 - wobei sich die Bremer inzwischen allerdings vorrangig als Softwarehaus für Cloud Workspaces positionieren.

"It’s hard to teach an old dog new tricks", wie der Amerikaner sagt: Es ist schwer, einem alten Hund neue Kunststücke beizubringen. Man möchte meinen, dass für Stacheltiere der Gattung Igel Ähnliches gilt. Das gleichnamige Bremer Unternehmen hingegen hatte sich 2016 aufgemacht, die IT-Welt vom Gegenteil zu überzeugen, und eine Niederlassung in San Francisco eröffnet, von wo aus Jed Ayres als neu ernannter CEO für Nordamerika das Business dirigieren sollte. Igels Trick: Obwohl im Heimatmarkt seit Jahren als Thin-Client-Marktführer etabliert, versuchte man nicht, den US-Größen wie Dell und HP mit solider Hardware "made in Germany" Paroli zu bieten, sondern setzte alles - oder zumindest viel - auf die Softwarekarte. Die Bremer hoben damals hervor, man sei Hersteller "softwaredefinierter Endpunkte" und einer leistungsstarken Workspace-Management-Software. "Softwaredefiniert" sind IT-Endgeräte eigentlich immer, läuft doch auf allen eine Firmware. Gemeint war hier die Softwareseite des Igel-Portfolios: die hauseigene Linux-Variante Igel OS, das Management-Tool UMS und ein Thin-Client-Image namens "Universal Desktop Converter" (UDC), das es erlaubte, Legacy-PCs wie auch Fremd-TCs unter UMS-Verwaltung zu nehmen.

Weder Igel OS noch UMS oder UDC sind wirklich neu - LANline berichtete schon 2010 über das PC-Konvertierungswerkzeug. Neu ist aber, dass ein ausländischer TC-Spezialist im Heimatmarkt von Dell und HP gegen die US-Platzhirsche antritt - und damit Erfolg hat: Die Bremer - die sich auf ihrer Hausmesse auch diesmal wieder grell-bunt "amerikanisch" gaben - lieferten laut eigenen Angaben letztes Jahr 749.000 Igel-OS-Einheiten aus, ein Plus von 132 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Insgesamt stieg der Umsatz um 35 Prozent auf 150 Millionen Dollar - fast eine Verdopplung gegenüber dem Jahr 2017, als das Unternehmen mit 372.000 Software-Einheiten 76 Millionen Dollar umsetzte. Aufgrund des rasanten Wachstums hat Igel seinen Vertrieb reorganisiert und in die Regionen "Americas" (Nord- und Südamerika) sowie EMEA aufgeteilt. Laut Unternehmensanaben stammen 86 Millionen des aktuellen Umsatzes (63 Prozent) aus der EMEA-Region, stolze 37 Prozent somit vom noch jungen US-Business, und dort laut Gründer Heiko Gloge überwiegend aus Softwareverkäufen.

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Bei einem internen Kick-Off vor der Münchner Disrupt übergab Igel-Gründer Heiko Gloge (rechts) die Führung an Jed Ayres, zuvor Co-CEO und Chef des erfolgreichen US-Business. Bild: Vibrant Media Productions

Optimismus dank Cloud

Optimistisch in die Zukunft blicken kann Igel derzeit nicht zuletzt deshalb, weil Microsoft mit Windows Virtual Desktops (WVDs) letzten Herbst in den DaaS-Markt (Desktop as a Service) eingestiegen ist. Der Konzern bietet damit die Option, neben Office 365 und weiteren SaaS-Angeboten auch gleich den ganzen Desktop in seiner Azure-Cloud hosten zu lassen - und die Bremer waren als (vorerst) exklusiver Partner für Linux-Clients mit an Bord. Deshalb kann der deutsche Hersteller nun den ersten Linux-basierten Endpunkt vorweisen, der für WVDs validiert ist. Vor diesem Hintergrund bezeichnete CEO Jed Ayres den DaaS-Markteintritt Microsofts - der recht spät kam (LANline berichtete) - als "historischen Wendepunkt". Diese Wende wiederum bildet den Rahmen dafür, dass sich Igel nun als Anbieter eines "Edge OS for Cloud Workspaces" positioniert. Selbst US-Regierungsbehörden, so Ayres, kauften inzwischen Igel-Software.

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Igels neue Thin-Client-Generation UD3 sorgt für eine Vertrauenskette von der TC-Hardware bis in die Cloud. Bild: Igel

Trotz des Wandels zum "Software First"-Anbieter: Die große Produktneuheit auf der Disrupt betraf Igels traditionelles Kerngeschäft, die Thin Clients: Es gibt eine neue TC-Generation von Igels Universal Desktop 3 (UD3). Das Gerät kommt mit AMD Ryzen Embedded R1505G SoC (System on a Chip), bietet integriertes WLAN und Bluetooth, die sich optional freischalten lassen, zudem einen integrierten SmartCart-Reader. Der UD3 unterstützt laut Hersteller zwei 4K-Displays und kommt mit "SuperSpeed USB Type C"-Port (10 GBit/s) nebst diversen weiteren Standard-Ports. Die thermische Verlustleistung des SoC-Prozessors liege bei nur 10 Watt.

Eine Besonderheit des Geräts, das im Mai auf den Markt kommen soll, findet sich aber in der Tat auf der Softwareseite: Igel und AMD haben laut Angaben der Bremer die Vertrauenskette (Chain of Trust) ausgeweitet, um für Sicherheit vom Endgerät bis zur Cloud zu sorgen: AMDs Secure Processor Technology, die im SoC-Prozessor enthalten ist, greife bereits, bevor das UEFI (Unified Extensible Firmware Interface) bootet. Der Embedded-Prozessor prüfe, ob der UEFI-Binärcode kryptografisch von Igel signiert ist, um Manipulationen am Code auszuschließen. Das UEFI wiederum checke anschließend den Boot-Loader nach einer "UEFI Secure Boot"-Signatur, danach kontrolliere der Boot-Loader den Linux-Kernel des Igel OS. Nur wenn die OS-Partitionen auf der Festplatte korrekt signiert sind, so Igel, wird das OS initialisiert und die Partitionen werden gemountet.

"Wir haben mehr erreicht, als wir uns zunächst vorgestellt hatten."

Am Rande der Disrupt-Konferenz sprach LANline mit dem Igel-Gründer Heiko Gloge:

LANline: Herr Gloge, trotz der offensichtliche großen Bedeutung des US-Business und des neuen CEOs aus den USA: In welchem Maße ist Igel nach wie vor ein deutsches Unternehmen?

Heiko Gloge: Nach wie vor befinden sich alle unsere Entwickler in Deutschland. Aber mit dem Unternehmen in die USA zu expandieren war für uns der einzige mögliche Schritt, um den Erfolg von Igel auf die nächste Ebene zu heben - und um Enterprise-Referenzen zu generieren, die wir nun auch in Europa nutzen können.

LANline: Wie erklären Sie sich das rasante Wachstum in den USA? Und welche Rolle spielt hier der Softwareanteil Ihres Portfolios, den Igel letzthin so sehr in den Vordergrund rückt?

Heiko Gloge: Wir haben mehr erreicht, als wir uns zunächst vorgestellt hatten. Das ist vorrangig der Verdienst von Jed Ayres, der genau die richtigen Leute ins Unternehmen geholt hat. Heute haben wir in den USA rund 100 Mitarbeiter, und wir generieren dort 37 Prozent unseres Umsatzes. Ungefähr 55 Prozent des US-Umsatzes sind Softwaregeschäft.

LANline: Der Sprung über den großen Teich war auch einer in eine neue Größenordnung von Enterprise-Kunden. Geht es Ihnen für das Wachstum ausschließlich um den Enterprise-Markt oder auch um kleinere Unternehmen?

Heiko Gloge: Natürlich zielen wir auf Skalierung, der Enterprise-Markt ist uns wichtig. Aber auch kleinere Projekte sind häufig durchaus spannend und technisch anspruchsvoll. Das reicht vom Anwalt, der seine Recording-Software in die Cloud verlagern will, bis hin zur Raumfahrt. Die NASA hat nur 25 Geräte gekauft, aber die Kommunikation zwischen Houston und der ISS wird mit Igel aufgebaut.

LANline: Womit gelingt es Ihnen als ausländischem Anbieter, gegenüber den großen US-amerikanischen IT-Ausrüstern zu punkten?

Heiko Gloge: Für die Großen der Branche waren Thin Clients immer nur eine Kannibalisierung ihres PC-Geschäfts. Natürlich treffen wir in Projekten auf HP und Dell, aber deren Softwarelösungen können mit unserer Igel-Software nicht mithalten.

LANline: Im heimischen Markt kennt man Sie nach wie vor als TC-Hersteller, sprich: Hardwarelieferant. Welche Rolle spielt das Software-Business für Sie in Deutschland?

Heiko Gloge: Das Softwaregeschäft macht hierzulande zirka 25 Prozent unseres Business aus, hier ist dieses Business noch im Wachsen begriffen. Die Situation haben wir uns selber eingebrockt, weil wir in Deutschland eben als TC-Marktführer etabliert sind.

LANline: Ein paar Fragen zur Softwareseite. Nutzen die Anwenderunternehmen Ihre Management-Lösung ausschließlich lokal oder gibt es auch IT-Organisationen, die das in die Cloud verlagert haben?

Heiko Gloge: Unsere Anwenderunternehmen betreiben die Management-Software normalerweise on-premises, gelegentlich aber auch in der Cloud. Wir haben in den letzten Jahren viel investiert, um die Igel-Management-Lösung aus der Cloud nutzbar zu machen. Unsere Management-Software unterstützt dabei stets alle notwendigen Konfigurationen für den Zugriff auf Microsoft-WVD-Instanzen.

LANline: Kann man denn die Verwaltungslösung UMS auch direkt im Azure-Marktplatz abonnieren?

Heiko Gloge: Igel bietet aktuell die Management-Software nicht direkt als Azure-Subscription an. Wir arbeiten aber daran, zukünftig unsere Partner bei der Bereitstellung solcher Lösungen zu unterstützen.

LANline: Wie genau stellt sich das Verhältnis von Hardware- und Softwareverkäufen dar, und welche Rolle haben Microsofts WVD-Neuerungen dabei bislang gespielt?

Heiko Gloge: Igel hat 2019 insgesamt 749.000 Softwarelizenzen verkauft und rund 345.000 Geräte produziert. Unser Softwarewachstum gegenüber dem Vorjahr lag damit bei 42 Prozent. Beim Launch der WVDs waren wir als Entwickler von Linux-Clients schon früh und exklusiv eingebunden, aber unser Wachstum haben wir letztes Jahr unabhängig von Windows Virtual Desktops erzielt - diese sind schließlich erst seit Kurzem allgemein verfügbar.

LANline: Auf der Disrupt war zu hören, Igel möchte die Nummer eins im Edge-OS-Markt werden. "Edge" ist aber ein sehr weites Feld, es umfasst nicht zuletzt auch Smart Devices und IoT- oder IIoT-Gerätschaft. Die Aussage dürfte sich also kaum auf den kompletten Edge-Markt beziehen?

Heiko Gloge: Wenn wir sagen, wir wollen das Nummer-eins-Edge-OS werden, dann ist damit gemeint: die Nummer eins unter den gemanagten Endgeräten im Unternehmen. Smartphones fallen nicht darunter.

LANline: Wie sehen Ihre Wachstumspläne auf der Mitarbeiterseite aus? In welchen Bereichen wollen Sie Ihre Belegschaft aufstocken?

Heiko Gloge: Derzeit hat Igel rund 400 Mitarbeiter, mindestens 100 weitere Stellen sind geplant. Mit diesen zusätzlichen Mitarbeitern wollen wir unsere Organisation stärken, das heißt, wir wollen neben dem Vertrieb auch den Services-Bereich ausbauen.

LANline: Angesichts Ihres Geschäft sowohl in Amerika als auch in Europa stellt sich die Frage: Von welchem Standort aus liefert Igel Support?

Heiko Gloge: Unseren Third-Level-Support leisten wir nach wie vor aus Augsburg, der Rest ist verteilt auf die Westküste der USA und UK. Der Hintergrund: Support-Mitarbeiter zu finden war in Augsburg und Bremen schwierig, in UK hingegen ging das ohne Probleme.

LANline: Herr Gloge, vielen Dank für das Gespräch.

Gewaltige Herausforderungen

Die zunehmende Vielfalt der Endpoint-Einsatzszenarien bringt laut Nathan Hill, Research VP bei Gartner und Gastredner auf der Disrupt, "gewaltige Herausforderungen" für die IT. Es gelte daher, die Hardware wie auch die Software der Endpunkte dieser neuen Lage anzupassen: "Wir müssen zu einem kontinuierlichen und kontextbezogenen Workspace übergehen", so Hill. Dazu müsse man auch die Bereitstellungsprozesse ändern, um ausreichend skalieren zu können. "Legacy-Prozesse können mit dem heutigen Tempo nicht Schritt halten", warnte Hill. Neben neuen Prozessen sei auch ein Kulturwandel bei den Mitarbeitern in Richtung "Agile Ops" (agiler IT-Betrieb) notwendig. Die menschliche und prozessbezogene Seite, so Hill, sei der schwierigste Teil des Wandels. Er riet den Unternehmen deshalb, neben technischer Breite und Tiefe auch die Business-Kompetenzen der IT-Organisationen im Blick zu behalten. Denn die IT müsse künftig eng mit ihren Kunden - also den Fachabteilungen - zusammenarbeiten.

Scott Manchester, Group Program Manager Remote Desktop Services bei Microsoft, gab einen Überblick über Windows Virtual Desktop. WVD liefere "die sicherste Virtualisierungsumgebung", denn sie gebe dem Administrator mittels Richtlinien die volle Kontrolle über Zugriffe auf die Cloud-Services. Die Akquisition des App-Provisionierungsanbieters FSLogix Ende 2018 werde es Unternehmen erleichtern, ihre VDI-Umgebungen (Virtual Desktop Infrastructure) in die Cloud zu migrieren. Künftig soll es MSIX App Attach erlauben, MSIX-paketierte Software einfach einem WVD hinzuzufügen, während Azure Files für einen bequem nutzbaren Cloud-Storage sorge. Man arbeite an einer besseren Integration von WVD mit Microsoft 365 ebenso wie an der Optimierung der Bedienbarkeit durch Administatoren.

Laut Citrix? Solution Strategist Sasa Petrovic werden künftig die Personalabteilungen das Konzept der "New Work" - also möglichst einfaches, digital gestütztes Arbeiten - vorantreiben. Es gelte deshalb, Applikationen in personalisierte Arbeitsschritte zu destillieren, wie Citrix dies mit den Micro-Apps seiner Workspace-Lösung vorexerziert (LANline berichtete). Eine wichtige Rolle für die Absicherung der cloudbasierten Workspaces werde der "Zero Trust"-Sicherheitsansatz spielen, den Petrovic auf die kompakte Formel brachte: "Vertraue nie, verifiziere immer, Just-in-Time-Zugriff und nur die notwendigen Zugriffsrechte".

Auch Petrovic sah bei der anschließenden Panel-Diskussion den menschlichen Faktor als große Herausforderung für den Wandel zur "New Work", denn: "Menschen reagieren immer unterschiedlich auf Veränderung, es gibt da nicht nur Eins und Null." Deshalb werde die Transformation Jahre dauern. Gartner-Mann Hill betonte, Informationen werde es künftig überall geben, aber die technische Integration müsse "für Endanwender unsichtbar" sein. Auch Igel-CTO Matthias Haas schloss sich dem Ruf nach einfacherer Bedienung an: Dies beginne schon damit, dass künftig das Management der Umgebung einfacher zugänglich sein müsse - nämlich über den Marketplace des Cloud-Providers. Im Hinblick auf die Endanwender sei es künftig wichtig, mittels Identity Federation ein Single Sign-on zu ermöglichen, auch mit Mehr-Faktor-Authentifizierung.

"One-trick pony" - ein Zirkuspferdchen, das nur ein einziges Kunststück beherrscht: So nennen die Amerikaner jenen Typ Mensch, den man im Deutschen gern als "Fachidiot" bezeichnet, aber auch jenen Typ Unternehmen, deren Wohl und Wehe an einem einzigen Produkt hängt. Dass Igel kein "one-trick pony" ist, haben sie bewiesen. Man darf gespannt sein, was die Bremer Softwarelieferanten in den kommenden Jahren noch alles aus ihrer Trickkiste zaubern. Denn obwohl der mit Microsofts Mithilfe aufblühende Markt digitaler Arbeitsplätze bis auf Weiteres tief hängende Früchte verspricht: Mittelfristig wäre ein kontinuierlich expandierendes trickreiches Tierreich sicher sinnvoller, als sich auf den Linux-Lorbeeren einzuigeln.

Dr. Wilhelm Greiner ist freier Mitarbeiter der LANline.

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