Wohlbefinden von Beschäftigten fördern

Gegen die Jack-Nicholsonisierung

03. Mai 2021, 07:00 Uhr   |  Wilhelm Greiner

Gegen die Jack-Nicholsonisierung
© Wolfgang Traub

So wichtig und nützlich es in den letzten Monaten für viele Büroangestellte war, von zu Hause aus arbeiten zu können: Ist der Mensch allzu lange im heimischen Office isoliert, droht er, ein bisschen eigenartig zu werden. Filmkenner denken hier an den einsamen neurotischen Schriftsteller Melvin, gespielt von Jack Nicholson, aus der Hollywood-Komödie „As Good As It Gets“, Kubrick-Fans wohl gar an die Nicholson-Figur aus „The Shining“, die im abgeschiedenen Berghotel allmählich durchdreht. Um die psychischen Nebenwirkungen moderner Heimarbeit zu minimieren, setzen Anbieter wie Citrix oder Cisco auf digitale Helferlein.

Der Mensch ist für Dauerisolation im Home-Office nicht gebaut, das dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben. Bei einer Citrix-Umfrage vom ersten Quartal 2021 zum Beispiel gaben 40 Prozent der Befragten an, ihre psychische Gesundheit habe sich in den letzten zwölf Monaten verschlechtert (LANline berichtete). Vielen Beschäftigten fehlt der persönliche Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen im Büro. Zudem berichten Arbeitspsychologen von verbreiteter Sorge der Heimoffiziere, von ihren Vorgesetzten nicht mehr ausreichend wahrgenommen zu werden; dies versuchen sie dann durch Mehrarbeit auszugleichen, was das Risiko von Überarbeitung und letztlich sogar eines Burnouts steigert.

Im Zeitalter zunehmend verteilten, mobilen und damit vereinzelten Arbeitens gilt es, drohender Jack-Nicholsonisierung der Belegschaft entgegenzuwirken. Vorrangig ist dies eine Frage der Mitarbeiterführung und einer an heutige Arbeitsweisen angepassten Unternehmenskultur, die den einzelnen Beschäftigten in den Mittelpunkt rückt (siehe den LANline-Beitrag „Vom Höhlenmenschen zur KI“). Softwareanbieter wiederum, die sich mit dem Thema Remote Work beschäftigen, versuchen derzeit verstärkt, die Problematik mit ihren eigenen Werkzeugen zu bewältigen – also eben mit Software.

So hat Citrix im ersten Quartal seine Digital Workspaces um zusätzliche Micro-Apps erweitert, die auf mehr Wohlbefinden der Beschäftigten abzielen: Neue integrierte Funktionen sollen Vorgesetzten helfen, die psychische Verfassung verteilter Teams im Auge zu behalten, während man es den Beschäftigten erleichtern will, sich informiert und eingebunden zu fühlen. So lassen sich mit Micro-Apps nun spontan Umfragen durchführen, um die Zufriedenheit und das Wohlbefinden der Belegschaft zu ermitteln. Andere Funktionen dienen der Verbreitung positiver Nachrichten, um die Moral der Beschäftigten zu steigern, oder der gegenseitigen Anerkennung von Leistungen, um Engagement und Teamgeist zu fördern.

Cisco wiederum hat kürzlich angekündigt, seine Videokonferenzlösung Webex um Funktionsbausteine namens „People Insights“ („Menscheneinblicke“) zu ergänzen. Ziel ist es, Nutzungsmuster sichtbar zu machen, damit die Beschäftigten ihr digitales Arbeitsverhalten besser im Auge behalten und ihre Work-Life-Balance optimieren können. People Insights soll Einblicke auf drei Ebenen ermöglichen: auf persönlicher, Team- und Organisationsebene.

Webex People Insights soll den Beschäftigten einen besseren Überblick über ihre eigene Arbeitsweise ermöglichen.
© Cisco

Webex People Insights soll den Beschäftigten einen besseren Überblick über ihre eigene Arbeitsweise ermöglichen.

Auf der individuellen Ebene liefert die Software laut Cisco Antworten auf Fragen wie zum Beispiel: Wie oft akzeptieren Beschäftigte Einladungen zu Meetings, nehmen dann aber doch nicht teil? Wie häufig widmen sie sich dem Multitasking, beantworten also beispielsweise während einer Videokonferenz E-Mails, lesen Dokumente und geben ihre Webcam nicht frei, um dies ungestört zu tun? People Insights, so der US-Anbieter, soll den einzelnen Beschäftigten bei der Entscheidung helfen, wann sie Meetings ablehnen oder verschieben sollten, um ihre persönlichen Arbeitsweisen und Ziele zu unterstützen.

Auf Teamebene sollen Führungskräfte das Wohlbefinden ihres Teams verbessern können, indem sie beispielsweise ermitteln, wie hoch der Anteil der Meetings ist, die außerhalb der bevorzugten Arbeitszeiten stattfinden. Zudem erhalte jedes Teammitglied einen Überblick über die Muster von Verbindungen, Art der Zusammenarbeit und Work-Life-Integration für das gesamte Team – unter Wahrung der Privatsphäre, wie Cisco betont. Dadurch könne ein Team seine Prozesse einfacher an die Arbeitsweise anpassen, die das Team bevorzugt.
 
Zugleich soll die neue Funktionalität auch aus Unternehmensperspektive Trends und Muster der Zusammenarbeit erkennbar machen. Ziel ist es dabei laut Cisco-Angaben, Silos aufzuzeigen und Teams zu identifizieren, die von zusätzlicher Unterstützung oder einem verstärkten Fokus auf Inklusivität profitieren könnten. Der Anbieter betont, dass die neuen Funktionen von People Insights datenschutzkonform ausgelegt sind: Personenbezogene Einblicke in das Nutzungsverhalten bekomme nur der oder die einzelne Beschäftigte selbst.

People Insights ist im Augenblick allerdings noch Zukunftsmusik: Cisco will die Funktionen im Laufe des Jahres nach und nach einführen. Ab Sommer soll die Funktionalität zunächst ausgewählten Anwendern in den USA zur Verfügung stehen.

Auch nach der pandemiebedingten Home-Office-Welle wird im Zeitalter zunehmend verteilten Arbeitens der Fokus auf das Individuum sicher an Bedeutung gewinnen. Dies wird allerdings mehr erfordern als nur Tools für das Monitoring des Verhaltens der Belegschaft. An Bedeutung gewinnen dürfte eine Unternehmenskultur, in der sich die Beschäftigten umfassender unterstützt fühlen können als lediglich durch Remote Support bei IT-Problemchen. Schließlich gilt es zu verhindern, dass im unternehmensinternen Newsletter eines Tages steht: „Einer flog über das Kuckucksnest.“

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